01.09.2021 | Kurzfilmrolle: THE BODY IS A MYSTERIOUS LANDSCAPE

Die Abmachung, die wir beim Schauen vom Filmen eingehen, versprachlichen Leonor Noivo und ihre Co-Autorin Patricia Guerreiro gleich in den ersten Momenten von RAPOSA: Ein Mensch (Patricia) wird einen anderen Menschen (Maria) darstellen. Die Frage, wo die Person aufhört und wo die Figur anfängt, zersplittert uneindeutig in Mikrokosmen zwischen Welt und Ich. Der eigene Körper, diese „solidarische Masse“ (Jean-Luc Nancy), wird gespiegelt in einer behutsamen Fiktion, gefiltert durch die Kamera einer Filmemacherin, angereichert mit Biografie, erweitert als Metapher und wahrnehmbar als Abdruck in der Welt: als Gipshaut, als ephemere Wellen auf einer Oberfläche Wasser und als Leinwand für die Lichtstöße eines Projektors. Die Eindringlinge – Luft, Licht, Nahrung, Worte – konstituieren eine permanente Gefahr der Ansteckung, des Ich-Verlusts, der Auslöschung. Die Mittel des Kampfes: das Zählen, die Rituale, die Freundschaft, das Kino.

Kontamination ist auch ein zentrales Motiv in A MORDIDA. Hier bedroht sie als Epidemie die Lüge der natürlichen, binären Ordnung der Geschlechter und dient als Chiffre für den Aufstieg neo-faschistischer Strukturen in der brasilianischen Gesellschaft. Ursprünglich entwickelt als dokumentarisch-fiktionale Mehrkanal-Installation, vibriert der Film zu den Klängen des Londoner Klangkünstlers HAUT in einer moskito-getränkten Zukunft, die schon lange nicht mehr nur „vor uns“ liegt. Als würden wir den vorangegangenen Film einfach weiter träumen, entfalten sich die warmen Farben von PRINCESA MORTA DO JACUÍ in einer Regenwaldregion namens „Zentrale Depression“. Als fürchte er sich vor dem Eindringen der genmanipulierten Mücken aus A MORDIDA, trägt auch der Archäologe Moreira einen weißen Schutzanzug. Getrieben von Panikattacken reist er ins Herz der eigenen Finsternis, um sich den Dämonen seiner Vergangenheit zu stellen und Geschichte neu zu schreiben.

Mi 01.09.Plagwitzer Markthalle
21: 30 UhrKURZFILMROLLE
Raposa 40′ + The Bite 26′ + Dead Princess of Jacuí

regulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€

RAPOSA / REYNARD

PT 2019, R: Leonor Noivo, D: Patricia Guerreiro, 40’, OmeU, DCP


A MORDIDA / THE BITE

PT/BR 2019, R: Pedro Neves Marques, D: Ana Flávia Cavalcanti, Alina Dorzbacher, Kelner Macedo, 26’, OmeU, DCP


PRINCESA MORTA DO JACUÍ / DEAD PRINCESS OF JACUÍ

BR 2019, R: Marcela Ilha Bordin, A: Gabriel Palma, Maíra Flores, 15’, OmeU, DCP

02.09.2021 | 香港製造 – Made in Hong Kong (HK 1997, Fruit Chan)

HK 1997, R: Fruit Chan, D: Sam Lee, Neiky Yim Hui Chi, Wenders Li, 104’, OmeU, DCP

Im Jahre 1997 geht die Kronkolonie Hongkong folgenreich an Festland- China zurück. Ein Großaufgebot symbolischer Zeremonien leitet einen vorerst unsichtbaren, gesellschaftlicher Wandel ein. Vor diesem Umbruch dreht Chan eine lose Trilogie über Figuren, die mit täglichen Herausforderungen kämpfen, während im Hintergrund zukunftsbestimmende Weichen gestellt werden. MADE IN HONG KONG ist dabei ein Mix aus Genrekonventionen und Coming-of- Age-Themen. Schauplatz ist ein Sozialbaukomplex, die Protagonist*innen ein Gruppe Jugendliche. Moon spielt Basketball, schützt seinen Freund Silvester, der mit einer geistigen Behinderung lebt, vor Mobbing und finanziert mit Gelegenheitsjobs für den Triadenboss Brother Wing seinen Alltag.

Zu schlau, sich den Triaden gänzlich anzuschließen, kann er sich doch deren Einfluss letztlich nicht vollends entziehen. Beim Geldeintreiben lernt er die kranke Ping kennen, der er im Folgenden zu helfen versucht. Parallel lassen Abschiedsbriefe eines unbekannten Mädchens die Gruppe der Jugendlichen nach einem Geist in der Großstadt suchen. MADE IN HONG KONG ist ein pessimistischer Blick in die Zukunft eines isolierten Terrains. Fruit Chans Helden ist bewusst, dass die Welt gegen sie gerichtet ist. Und dennoch versuchen sie, der Hoffnungslosigkeit etwas entgegen zu setzen.

Do 02.09.Luru Kino
19 UhrMit einer Einführung von Clemens von Haselberg

regulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€
im Doppel: 11€ / ermäßigt 9€

02.09.2021 | 第一類型危險 – DANGEROUS ENCOUNTERS: 1ST KIND (HK 1980, Tsui Hark)

HK 1980, R: Tsui Hark, D: Lo Lieh, Lin Chen-Chi, Albert Au, 95’, dF, 35mm

Im Jahre 1956 wird in der Kronkolonie ein Gesetz verabschiedet, welches Sprengstoffe als „dangerous objects of the first kind“ einstuft. Der gleichnamige Film zeigt Hongkong als Pulverfass: Eine Konsumgesellschaft voller Gewalt und Korruption im Würgegriff des westlichen Kolonialismus. Dazu eine unzufriedene Jugend, die das Streichholz entzündet. Je nach Schnittfassung legen drei Studenten in einem Kino eine selbstgebastelte Bombe oder sie begehen nach einem Unfall Fahrerflucht. Die psychotisch veranlagte Pearl beobachtet sie dabei und erpresst die Gang, weitere anarchistische Aktionen durchzuführen.

Eine jugendlich-naive Zelle entsteht, die Bomben legt, Tourist*innen ausraubt und öffentliche Verkehrsmittel entführt. Die Bande stolpert über die Affären kaltblütiger, amerikanischer Vietnam-Veteranen – bald interessiert sich auch eine Triade für sie. Die Lage spitzt sich zu und steuert einem Finale voller Wahnsinn entgegen. Der Film ist ein Frühwerk des New-Wave-Regisseurs Tsui Hark, der seinem rebellischen Unmut freien Lauf lässt und mit Hilfe auswegloser, rasanter Bilder ein tabuisiertes Thema als visuellen Höllenritt inszeniert. Ein nihilistischer Schocker über eine Jugend, die droht vor die Hunde zu gehen, wenn sie ihre Zukunft genommen bekommt.

Do 02.09.Luru Open-Air
22 Uhrregulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€
im Doppel: 11€ / ermäßigt 9€

鎗火’ – The Mission (HK 1999, Johnnie To)

HK 1999, R: Johnnie To, D: Anthony Wong, Francis Ng, Jackie Lui Chung-Yin, 81’, OmeU, 35mm

Ein Klassiker des Hongkong-Gangsterfilms der 1990er-Jahre vom Actionchoreographie- Meister Johnnie To: Dem Triadenboss Brother Lung wird nach dem Leben getrachtet, also werden ihm fünf Mitglieder seiner Organisation als Bodyguards zur Seite gestellt: Roy und seine rechte Hand Shin, der Waffenexperte James, der Pistolenheld Mike und der kaltblütige Mörder Curtis. Ohne dass diese viel von sich preisgeben würden, bilden sie kurzerhand ein Team mit einer Mission.

Die zusammengewürfelte Brüderlichkeit inmitten der Triadenunterwelt ist Dreh- und Angelpunkt des Films. Mit eingedampfter Story und Konstellation reiht sich der Film in die Hongkonger Milky Way-Produktionen der Zeit ein, in denen Themen vage bleiben und Emotionen nur hier und da aufblitzen. Inszenatorisch verdichtet sehen wir dieser Männerbande dabei zu, wie sie ihre Mission verfolgen und dabei sparsam ihre individuellen Charaktere enthüllen. Aus geringsten körperlichen Handlungen und kleinsten emotionalen Regungen entstehen eigentümliche Partnerschaften, stets flankiert von spannungsgeladenen Standoffs und Shootouts. Am Ende steht der Kumpanei die Loyalität zur Organisation entgegen. Ein Genre-Lichtspiel zwischen kinetischen Handlungen und Momenten der Stille.

Fr 03.09.Luru Open-Air
22 Uhrregulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€
im Doppel: 11€ / ermäßigt 9€

03.09.2021 | 那夜凌晨,我坐上了旺角開往大埔的紅VAN – The Midnight After (HK 2014, Fruit Chan)

HK 2014, R: Fruit Chan, D: Wong Yau-Nam, Janice Man, Chui Tien-You, 124’, OmeU, DCP

Ein roter Linienbus schlängelt sich durch das urbane Chaos Hongkongs. Nach und nach füllt er sich mit ungleichen Figuren, siebzehn um genau zu sein. Ein Querschnitt der lokalen Bevölkerung. Das Reiseziel: Tai Po, ein Vorort in den neuen Territorien. Als sich der Bus seinen Weg durch den Lion Rock Tunnel bahnt, passiert das Unerklärliche. Im Funknetz ist die Kommunikation zur Außenwelt verstummt, Straßen und Stadtbezirke sind leer. Alle bis auf die Insassen scheint die Stadt verschluckt zu haben. Die unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft sucht nach Antworten.

Zu allem Überfluss werden die Passagiere dabei von seltsamen Erscheinungen heimgesucht: Geisterhafte Wesen, Zombies, spontane Selbstentzündungen und eine Krankheit, die Teenager zum Schmelzen bringt. Ereignisse, die die menschliche Logik aushebeln – die Flucht in Hirngespinste und Verschwörungstheorien sind die Folge. Fruit Chan erzählt mit MIDNIGHT AFTER von einer Auflösung der bekannten Ordnung. Zurück bleiben Konspirationen, Orientierungslosigkeit und ein pessimistischer Blick ins Ungewisse. Der Film wirkt wie eine Prophezeiung: wenige Monate nach Erscheinen des Films sammeln sich auf den Straßen Hongkongs die Regenschirme, die Protestwelle beginnt.

Fr 03.09.Luru Kino
19 UhrMit einer Einführung von Clemens von Haselberg

regulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€
im Doppel: 11€ / ermäßigt 9€