Podiumsdiskussion:
PussyPop – Pornographie in Film und Gesellschaft
Mit:
Laura Méritt (Sexaktivistin, Mitbegründerin PorYes),
Sven Lewandowski (Soziologe; Autor von »Die Pornographie der Gesellschaft«)
Tatjana Turanskyj (Filmemacherin, u.a. »Eine flexible Frau« & »Top Girl«)
Moderation: Julia Lemmle
Porno – ein weit verzweigtes Phänomen, industriell umsatzstark, im Allgemeinen auf die maximale männliche Lustbefriedigung zugeschnitten, aber ästhetisch vermeintlich sehr beschränkt. Porno erfüllt jede Menge Superlative. Dass Porno ein Teil der Populärkultur werden würde, war also lediglich eine Frage der Zeit. Sein Ankommen dort eröffnet allerdings neue Fragen: Welche Bedeutung kommt ihm innerhalb der Film- und Populärkultur zu? Welche Veränderungen hat der Einfluss feministischer Pornographie in diesem Bereich bisher erzielt? Kann Pornographie auch als Modus des Aufbegehrens funktionieren und darüber hinaus politische Statements formulieren?
Unter der Moderation von Julia Lemmle werden Laura Méritt, Sven Lewandowski und Tatjana Turanskyj im Ballsaal der Schaubühne Lindenfels diese und darüber hinausgehende Fragen und Widersprüche diskutieren. Sie werden versuchen, das vielschichtige Dickicht gegenwärtiger Pornographie etwas zu lichten, um den Blick freizugeben auf eines der kontroversesten Filmgenres und Kulturphänomene und dessen Wandlung in der Wahrnehmung der Gesellschaft.
Die Diskussion findet in deutscher Sprache statt und ist eingebettet in die Videokunstausstellung all eyez on v, die im Ballsaal der Schaubühne Lindenfels installiert ist.
23. April, 19:30 Uhr – Ballsaal Schaubühne Lindenfels – Eintritt frei
Soldate Jeannette
(AUT 2013, R: Daniel Hoesl, D: Johanna Orsini-Rosenberg, Christina Reichstaler, 73’, OmeU, BluRay)
Einführung und anschließenden Filmgespräch mit Hauptdarstellerin Johanna Orsini-Rosenberg und Filmkritiker Dennis Vetter (NEGATIV, Woche der Kritik Berlin)
I prefer not to. Die Maxime des Aufstands lautet Verweigerung. Als eine still kämpfende Anarchistin auf einem inneren Feldzug, gelassen aber dennoch erfolgreich, entzieht sich die Hauptfigur Fanni allen gesellschaftlichen Erwartungshaltungen. Sie will nicht Teil der Maschinerie sein. Mehr und mehr entflieht sie ihrer eigenen Lebenswelt, bis sie auf dem Land, ihrem selbstgewähltem Rückzugsort, mit der ebenso in Zwängen verharrenden Anna Bekanntschaft macht.
Ohne auf einfache Lösungen zu setzen, porträtiert der Film zwei sehr unterschiedliche Frauen, die zwei ebenso unterschiedliche emanzipatorische Prozesse durchlaufen. Gemeinsam auf getrennten Wegen wandelnd, finden die beiden letztlich näher zueinander. Visuell pointiert konzipiert, bezieht Hoesl biografische Momente beider Schauspielerinnen mit ein, ohne dokumentarisch zu sein – auch wenn das beim Ergebnis kaum jemand glauben mag: das Drehbuch wurde nicht geschrieben, sondern improvisiert. Als Kollektiv The European Film Conspiracy funktioniert die Gruppe um Hoesl mit Minimalbudget, doch ermöglicht eine enge Komplizenschaft kompromissloses Arbeiten kombiniert mit künstlerischem Anspruch. In nur 25 Drehtagen und ohne Produktionsfirma ist aus dem Experiment Soldate Jeannette ein anstiftendes Statement geworden – sowohl vor als auch hinter der Kamera.
20. April, 20 Uhr – Luru Kino in der Spinnerei – € 6/5 (erm.)
Nach der Harun-Farocki-Hommage im vergangenen Jahr widmen wir uns dieses Jahr der Filmemacherin Hito Steyerl.
Bilder hinter den Bildern – Hito Steyerl
Einführung durch Florian Mundhenke (Juniorprofessor für Mediale Hybride, Universität Leipzig)
„In einer Zeit, in der der Zusammenhang der Bilder mit den Dingen fragwürdig geworden ist, steht das Dokumentarische unter Generalverdacht.“ Diesem von ihr selbst festgestellten Verdacht geht Hito Steyerl unter anderem in ihren essayistischen Arbeiten nach. Bilder, die ideologisch verformt werden, interessieren sie dabei genauso wie solche, die global zirkulieren oder gänzlich verloren gegangen sind.
Ausgehend von Steyerls Freundinnenschaft zu Andrea Wolf (alias Sehît Rohanî) untersuchen November und Abstract ein politisches Engagement, das zunächst in gemeinsam auf Super8 gedrehten feministischen Martial-Arts-Streifen seinen Ausdruck fand. Wolf setzte ihren Kampf später für die PKK fort und wurde zur Revolutionärin und Märtyrerin stilisiert. Lovely Andrea schildert die Suche Steyerls nach einem tatsächlich 1987 in Tokyo aufgenommenen Bondage-Foto, das sie selbst als Bottom bei Nawa Shibari zeigt. Free Fall verflicht in Motiv- und Geschichtszyklen Technikgeschichte mit irrwitzigen Rekursionen. Mit Howard Hughes’ Hells-Angels-Luftkriegs-Actionfilm-Stunts im Crash-Jahr 1929 setzen Lebens- und Liebeszyklen ein: von Hughes’ Airline TWA, die ihre Boeings der israelischen Luftwaffe verkauft, über deren Einsatz bei der Geiselbefreiung in Entebbe 1976, weiter zu Spielfilmversionen dieser Aktion bis schließlich hin zum Nachleben der Jets als Airforce-Museumskino oder Stuntkulisse.
November (2004, 25’) (engl. OmdU)
Lovely Andrea (2007, 29’) (jap. OmeU)
In Free Fall (2010, 32’) (dt./engl. OmeU)
19. April, 20 Uhr – Luru-Kino in der Spinnerei – € 6/5 (erm.)
The Tribe
(UKR 2014, R: Myroslav Slaboshpytskiy, D: Grigoriy Fesenko, Yana Novikova, 130’, Gebärdensprache, DCP/BluRay)
Die Geschichte ist wie bei allen guten Geschichten denkbar simpel: ein Teenager kommt neu in ein Internat und muss sich in vorhandene soziale Strukturen einfügen. Regisseur Myroslav Slaboshpytskiy lässt ohne Worte nur die Körper sprechen. Und diese tun das trotz ihrer Jugendlichkeit mit beängstigender Eloquenz. Sie erzählen von Sex und Gewalt, vom Leben innerhalb der Mauern des Internats und bewegen sich dort trotzdem außerhalb gesellschaftlich respektierter Normen. Einzig mittels Gebärdensprache wird dabei kommuniziert, ohne Untertitel oder ergänzend gesprochenem Dialog. Dieser Umstand ist sowohl Konzept als auch Notwendigkeit, da die Figuren allesamt tatsächlich Gehörlose sind. Durch die Übernahme der Wahrnehmung und des Welterfahrens der Protagonisten haben die Zuschauenden teil an der Perspektive einer marginalisierten Randgruppe. Jede Miene, jede Geste erscheint dabei voll aufgeladen mit Haltung und Emotion. The Tribe schafft ein verblüffendes, über alle gewohnte Maßen hinaus stimulierendes Seherlebnis, das Aufmerksamkeit einfordert und diese dann auch besonders belohnt. In seiner radikalen Konsequenz ist der Film vielleicht wirklich etwas Neues, etwas vorher noch nicht da Gewesenes. In ruhigen, wundervoll orchestrierten Cinemascope-Tableaus folgt die Kamera unerbittlich dem Schicksal der Figuren. Ein vielschichtiges Sozialdrama, eine aufwühlende Milieustudie, ein kühner coup de cinéma.
16. April, 21 Uhr – Luru-Kino in der Spinnerei – € 6/5 (erm.)
24. April, 22 Uhr – Schaubühne Lindenfels € 6/5 (erm.)
Ein proletarisches Wintermärchen
(D 2014, R: Julian Radlmaier, D: Natia Bakhtadze, Lars Rudolph, 63’, OmeU, BluRay)
In Anwesenheit des Regisseurs Julian Radlmaier
Den 20. April 2015 widmet das GEGENkino jungen deutschsprachigen Filmen und Filmemachern, die eine neue Ästhetiken und Darstellungsweisen gefunden haben, die sich von denen der Berliner Schule, der deutschen Filmhochschulfilme und anderer jüngerer “Bewegungen” innerhalb des deutschen Kinos radikal abhebt. Wir freuen uns deshalb den Abend mit dem Film “Ein proletarisches Wintermärchen“ von Julian Radlmaier, welcher nach dem Film auch zur Diskussion bereit stehen wird, eröffnen zu können.
Drei junge Georgier müssen im Auftrag eines Gebäudereinigungsunternehmens ein Berliner Schloss putzen, in dem am Abend die Sammlung zeitgenössischer Kunst eines deutschen Rüstungsunternehmens präsentiert werden soll. Bei diesem Anlass ist das Proletariat natürlich unerwünscht und wird in eine Dachkammer verbannt. Unten allerdings lockt ein köstliches Buffet, das ein revolutionäres Verlangen in den Bediensteten weckt. Begann die Französische Revolution nicht auch mit einem Stück Torte? Inmitten der gehobenen Gesellschaft beginnen sie schließlich gegen deren Regeln und für ein anderes Leben aufzubegehren. Ihr Widerstand speist sich aus dem Naheliegendsten: ihren Körpern. Mit ihnen trotzen sie der Last der Räume, der Gewalt klarer, herrschaftlicher Architektonik und tradierter Ordnung. Sie werden ihrer gesellschaftlichen Funktion, ihrer zugeschriebenen Rolle einfach nicht mehr gerecht. We prefer not to. Sie machen nicht mehr mit, stehen mitunter einfach nur faul herum oder machen eigentümlichen Unsinn. Mit formal präziser Raumsprache, viel Humor und einem Auge für Machtkonstellationen erzählt Ein proletarisches Wintermärchen von der oberflächlichen Fülle eines schwarzen Lochs, das kein Interesse zeigt an politischem Bewusstsein in Film und Kunst. Hier haben wir einen Film, der sich renitent weigert, von eben diesem Loch verschluckt zu werden.
20. April, 22 Uhr – Luru-Kino – 6/5 (erm.) Euro












