Trailer | 20. September 2026 – GEGENkino #12

11.09.26 | Mondflug mit Schlagwerk – FM Einheit vertont KOSMISCHE REISE

KOSMISCHE REISE (KOSMIČESKIJ REJS)

SU 1936, R: Wassili Schurawljow, D: Sergei Komarow, Xenija Moskalenko, Wassili Gaponenko 70′, OmeU, DCP 

KOSMISCHE REISE von Wassili Schurawljow ist der letzte sowjetische Stummfilm und entstand zu einer Zeit, als sich der Tonfilm schon längst durchgesetzt hatte. Der Film zeigt ein fiktives Moskau des Jahres 1946 als Zukunftsstadt: das Raumfahrtsprogramm ist technisch soweit fortgeschritten, dass eine Rakete ins Weltall geschossen werden kann. Professor Pavel Sedikh, der eine Expedition zum Mond leiten soll, wird von seinem Rivalen Professor Karin als zu alt und psychisch ungeeignet für die Mission angesehen. Unterdessen misslingen die ersten Raketentests: das zuerst gestartete Kaninchen kommt ums Leben, eine Katze verschwindet spurlos. Mit Hilfe seiner Assistentin Professorin Marina und des jungen Andrjuscha schafft Sedikh einen erfolgreichen Start, Flug und eine Landung auf dem Mond, bei der sich die Crew mit auftretenden Problemen auseinandersetzen muss: der Schwerelosigkeit, dem Mangel an Sauerstoff oder ausreichender Körperwärme bei Temperaturen unter Null Grad. Ihre Mission wandelt sich zu einer Rettungsaktion, als Sedikh bei einer Mondwanderung ausrutscht, in eine Gletscherspalte stürzt, unter einem Felsbrocken eingeklemmt wird und ihm langsam der Sauerstoff ausgeht.

Eines der ästhetischen Merkmale des Films ist die erstaunlich realistische Abbildung einer Reise zum Mond, bevor solche Szenarien wirklich stattgefunden haben. Begünstigt durch die Mitarbeit des Wissenschaftlers und Begründers der modernen Kosmonautik Konstantin Ziolkowski schildert der Film ästhetisch in äußerst akkurater Vorhersage das Versuchslabor, den riesigen Hangar, das Raumschiff und seine Treibwerke sowie dessen Innenraum und Beleuchtung, die Raumanzüge und die Mondoberfläche. Sowjetische Kosmonaut:innen, die den Film 30 Jahre später sahen, waren beeindruckt von den Kulissen und der Realitätsnähe der Schwerelosigkeits-Szenen, die mit Stop-Motion-Tricktechnik animiert wurden. 

Vertonen wird den Film FM Einheit, der in Sachen Avantgarde und präziser Handarbeit nicht besser zum Film passen könnte. Ob als Schlagzeuger der Hamburger Punkbands „Abwärts“ und „Palais Schaumburg“ oder versteckt hinter allerlei Metallschlagwerk bei den „Einstürzenden Neubauten“, ob als Solokünstler oder in zahlreichen Kollaborationen mit Andreas Ammer und Ulrike Haage von den „Rainbirds“: der musikalische Tausendsassa war und ist stets auf der Suche nach unbetretenen Wegen und fordert immer wieder Hörgewohnheiten heraus. Er bewegt sich sowohl im Konzert-, wie auch im Theater- und Kunstbetrieb und gilt längst auch international als einer der versiertesten und renommiertesten deutschen Musiker. 

Das Bühnensetup besteht aus digitaler Elektronik, von der Decke herab hängenden, langen Metallfedern, Blechen, einem Tisch voller Ziegel und Gesteinssplit. Dieses diverse, mitunter archaische Instrumentarium wird FM Einheit in einer körperlichen Live-Performance mit seinen Händen, mit Hämmern, Bohrmaschinen und weiteren Gerätschaften perkussiv bearbeiten. Er entlockt den industriellen Materialien flächenartige Sounds, rhythmische Beats bis hin zu sphärischen Klängen, die mit der elektronischen Komposition der interstellaren, utopischen Bilderwelt auf der Leinwand eine Schicht hinzufügen, in der es immer wieder knirscht, kratzt und wummert. 

Fr 11 September 2026UT Connewitz
20:00 UhrVVK: € 15,50 (AK: € 20)

13.09.26 | ZWISCHEN WELTEN – FILME VON EWELINA ROSINSKA

KURZFILMROLLE

PEDRAS INSTÁVEIS / UNSTABLE ROCKS

DE/PL 2024, R: Ewelina Rosinska, 25′, DCP

Landschaften ziehen in raschem Rhythmus vorbei, zerklüftete Küsten erscheinen in grobkörnigem Schwarzweiß, Stimmen, Tierlaute, Geräusche, Musiken lösen sich von den Bildern, während dazwischen stille Momente des Alltags aufscheinen: ein üppiger Garten, eine Kaffeetasse in der Sonne, eine religiöse Prozession, irgendwo in der portugiesischen Provinz. Mit UNSTABLE ROCKS verdichtet Ewelina Rosinska disparaten Eindrücke zu einem kontemplativen Natur- und Kultur-Porträt ihrer Wahlheimat Portugal, in dem Erinnerung und Wahrnehmung ineinanderfließen. 

Die 1987 in Polen geborene Filmemacherin studierte Kunstgeschichte in Krakau und Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Seit einigen Jahren arbeitet sie überwiegend mit einer analogen 16mm-Bolexkamera, filmt Unterschiedlichstes – und fügt es zu komplexen, musikalischen Montagearbeiten zusammen. Aus Aufnahmen, die zwischen Polen, Deutschland und Portugal hin und her pendeln, formt sie ein Kino der Assoziationen, Stimmungen, emotionalen Blicke: nicht narrativ, sondern von Rhythmen, Texturen und Erinnerungen getragen. 

POPIÓŁ IMIENIEM JEST CZŁOWIEKA / ASHES BY NAME IS MAN

DE 2023, R: Ewelina Rosinska, 20′, DC

Mit ASHES BY NAME IS MAN richtet Rosinska den Blick auf Polen statt auf Portugal. Wie alle ihrer Filme ist es eine Art Diary Film, aber doch nicht so, wie man es üblicherweise kennt. Aus autobiografischen Momenten, Landschaftsbeobachtungen und religiösen Ritualen entsteht ein Bilderstrom, in dem sich nationale Geschichte und katholischer Glaube auf und unterhalb der Bildoberfläche einnisten.

Z ZIEMIĄ W BUZI / EARTH IN THE MOUTH

PL/DE 2020, R: Ewelina Rosinska, 20′, DCP

EARTH IN THE MOUTH verdichtet dagegen Eindrücke aus Deutschland, Polen, Portugal, Brasilien und Griechenland zu einem Filmfotoalbum über das von Rückkehr und Ankunft durchflochtene Leben zwischen Ländern, Reisen und Freundschaften.

Mit dem Programm zu Ewelina Rosinska spinnt das GEGENkino mehrere Fäden fort, das es von Beginn an umtreibt: Im regulären Kino unterrepräsentierte Kurzfilme eine Bühne zu geben sowie bedeutenden Positionen des nicht klassisch narrativen Kinos vorzustellen. Rosinskas Arbeiten docken dabei schön an frühere Programme, etwa zu Rose Lowder an, eine Filmemacherin, die ihr in ihrer Verzahnung von Privatem und Sublimen nah scheint. Wir freuen uns, dass Rosinska persönlich anwesend ist.

Mo 13 September 2026Schaubühne Lindenfels
19:00 Uhr€ 7,50 (6,50 ermäßigt)
In Anwesenheit von Ewelina Rosinska

13.09.26 | Frauen in Berlin

POOR IMAGES

DDR 1981, R: Chetna Vora, 142‘, OmeU, DCP

Für ihren Diplomfilm interviewte die indische Regiestudentin Chetna Vora insgesamt 14 Frauen aus unterschiedlichen sozialen Milieus über deren Lebensrealitäten in Ost-Berlin. Klandestin, häufig in privaten Wohnungen und von Kameramann Thomas Plenert in reduziertem Stil gefilmt sprechen die Frauen im Alter von 11 bis 83 Jahren offen, ungehindert und auf Augenhöhe mit der Regisseurin über dauerhafte Partnerschaft, Affären, Scheidung, gleichgeschlechtliche Beziehungen, Wohnen, Beruf, Muttersein und vieles mehr. Neben privatem und gesellschaftlichem Alltag kommen spätestens mit der Frage nach Glück und Desillusion auch die Grenzen des politische Systems und seiner Fortschrittsversprechen zur Sprache.

Der Entstehungskontext von FRAUEN IN BERLIN – ein Akt institutioneller Gewalt – hat sich in die materielle Überlieferung des Films eingeschrieben. Chetna Voras Alma Mater, die Hochschule für Film und Fernsehen der DDR, verlangte die radikale Kürzung des Films auf 30 Minuten Laufzeit. Nachdem Vora sich weigerte, zwang sie die Hochschule zum Abbruch und konfiszierte das Material. Erhalten geblieben ist eine heimlich hergestellte Kopie des eigenmächtig entwendeten Rohschnittmaterials, dessen digital restaurierte Fassung wir zeigen.

Mo 13 September 2026Schaubühne Lindenfels
15 Uhr€ 7,50 (6,50 ermäßigt)
Einführung von Tobias Hering. Er ist Kurator sowie Publizist und hat in einer Langzeitrecherche zu Chetna Vora gearbeitet.

12.09.26 | GHOST IN THE CELL (ID/KR 2026, Joko Anwar)

ID/KR 2026, R: Joko Anwar, D: Abimana Aryasatya, Endy Arfian, Bront Palarae, 107‘, OmeU, DCP

Im berüchtigten indonesischen Hochsicherheitsgefängnis Labuan Angsana herrschen Gewalt, Korruption und Unterdrückung. Verfeindete Banden kämpfen ums Überleben, während sadistische Wärter ein Willkürregime führen. Als mit Dimas ein neuer Gefangener eingeliefert wird, beginnt eine grausame Mordserie: Eine unsichtbare, übernatürliche Macht richtet die Insassen auf ebenso brutale wie makabre Weise hin. Ausgerechnet die rivalisierenden Häftlinge müssen sich nun zusammenschließen, um dem blutsprudelnden Spuk zu entkommen. Schnell wird klar, dass der Geist nicht wahllos tötet, sondern einem verstörend moralischem Prinzip folgt.

Mit GHOST IN THE CELL legt Joko Anwar einen rasanten Gefängnis-Nervenkitzler vor, der Splatter, detaillierte Wundinszenierungen, Martial Arts und schwarzen Humor zu einem originellen Genrebeitrag zusammenbringt. Hinter den exzessiven Schockeffekten und grotesken Set-Pieces verbirgt sich zugleich scharfe Kritik an einem System, das von Grausamkeit und Machtmissbrauch geprägt ist. Das soziale Innensystem des Gefängnisses reproduziert die Machtverhältnisse der äußeren Realität…Mauern ohne Ausgang!  

Sa 12 September 2026Luru Kino
22:00 Uhr€ 7,50 (6,50 ermäßigt)

10.09.26 | MIT HASAN IN GAZA

POOR IMAGES | Kamal Aljafari

PS/DE/FR/QA 2025, R: Kamal Aljafari, 106’, OmeU, DCP

Im Jahr 2001 reist Kamal Aljafari nach Gaza auf der Suche nach einem ehemaligen Inhaftierten, zu dem er den Kontakt verloren hat. Gemeinsam mit seinem Begleiter Hasan durchquert er den Gazastreifen von Norden nach Süden: Städte, Straßen und Landschaften, Märkte und die Küste. Mit seiner Kamera hält er beiläufige Begegnungen, Gespräche und Momente des alltäglichen Lebens fest – ohne die Absicht, daraus einen Film zu machen.

Die Suche bleibt erfolglos. Zurück in Köln legt Aljafari die drei MiniDV-Kassetten beiseite und sichtet das Material erst viele Jahre später wieder. Aus dieser vergessenen Aufnahme entsteht MIT HASAN IN GAZA: eine filmische Meditation über Erinnerung, Verlust und die unwiederbringliche Veränderung von Orten und Menschen. Die Bilder werden zu Spuren einer vergangenen Gegenwart. Jede Begegnung trägt die Frage in sich, was aus den Menschen geworden ist, die hier sichtbar werden, und wie sich ein Ort durch die Zeit verändert. Aljafari bewahrt mit seinem Film nicht nur persönliche Erinnerungen, sondern auch ein Stück eines Alltags, der heute in dieser Form nicht mehr existiert.

Sa 10 September 2026Luru Kino
18:00 Uhr€ 7,50 (6,50 ermäßigt)
In Anwesenheit von Flavia Mazzarino (Produzentin und Mitarbeiterin von Kamal Aljafari)

12.09.26 | A Fidai Film (PS/DE/QA/BR/FR 2025, Kamal Aljafari)

POOR IMAGES | Kamal Aljafari

PS/DE/QA/BR/FR 2025, R: Kamal Aljafari, 78’, OmeU, DCP

A FIDAI FILM ist ein Found-Footage-Film über die gewaltsame Aneignung und die Wiederaneignung palästinensischer Bilder. Im Sommer 1982 beschlagnahmte die israelische Armee während der Invasion Beiruts das Archiv des Palestine Research Center mit historischen Dokumenten, Fotografien und Filmen zur palästinensischen Geschichte. Die dort verwahrten Bilder wurden später neu geordnet, umbenannt und in israelischen Archiven verwaltet. Eine Filmrolle zeigt etwa die Orangenernte in Qalandia im Jahr 1957 – archiviert unter der Bezeichnung, sie zeige „Terrorist:innen“.

Ausgehend von diesem Verlust entwickelt Kamal Aljafari eine filmische Gegenbewegung: eine „Kamera der Entrechteten“, die das geraubte visuelle Gedächtnis zurückfordert. Mit den Mitteln des experimentellen Found Footage bearbeitet er das Material radikal. Archivtexte werden überschrieben, Bilder verdeckt, Figuren ausgeschnitten oder durch neue Bildebenen ersetzt. Diese Akte der Manipulation sind keine Zerstörung, sondern ein Versuch, die ideologischen Spuren der Archivierung sichtbar zu machen. A FIDAI FILM ist zugleich Gegenarchiv und Widerstandsgeste: eine poetische Reflexion über Erinnerung, Identität und die Macht darüber, wer Geschichte erzählen darf.

Sa 12 September 2026Luru Kino
20:00 Uhr€ 7,50 (6,50 ermäßigt)