03.09.2021 | 那夜凌晨,我坐上了旺角開往大埔的紅VAN – The Midnight After (HK 2014, Fruit Chan)

HK 2014, R: Fruit Chan, D: Wong Yau-Nam, Janice Man, Chui Tien-You, 124’, OmeU, DCP

Ein roter Linienbus schlängelt sich durch das urbane Chaos Hongkongs. Nach und nach füllt er sich mit ungleichen Figuren, siebzehn um genau zu sein. Ein Querschnitt der lokalen Bevölkerung. Das Reiseziel: Tai Po, ein Vorort in den neuen Territorien. Als sich der Bus seinen Weg durch den Lion Rock Tunnel bahnt, passiert das Unerklärliche. Im Funknetz ist die Kommunikation zur Außenwelt verstummt, Straßen und Stadtbezirke sind leer. Alle bis auf die Insassen scheint die Stadt verschluckt zu haben. Die unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft sucht nach Antworten.

Zu allem Überfluss werden die Passagiere dabei von seltsamen Erscheinungen heimgesucht: Geisterhafte Wesen, Zombies, spontane Selbstentzündungen und eine Krankheit, die Teenager zum Schmelzen bringt. Ereignisse, die die menschliche Logik aushebeln – die Flucht in Hirngespinste und Verschwörungstheorien sind die Folge. Fruit Chan erzählt mit MIDNIGHT AFTER von einer Auflösung der bekannten Ordnung. Zurück bleiben Konspirationen, Orientierungslosigkeit und ein pessimistischer Blick ins Ungewisse. Der Film wirkt wie eine Prophezeiung: wenige Monate nach Erscheinen des Films sammeln sich auf den Straßen Hongkongs die Regenschirme, die Protestwelle beginnt.

Fr 03.09.Luru Kino
19 UhrMit einer Einführung von Clemens von Haselberg

regulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€
im Doppel: 11€ / ermäßigt 9€

05.09.2021 | GEGENkinderkino: DER KÖNIG UND DER VOGEL (FR 1979, Paul Grimault)

FR 1979, R: Paul Grimault, 81’, dF, 35mm, freigegeben ab 6 Jahren

Der schielende König V + III = VIII + VIII = XVI, tyrannischer Herrscher eines schwindelerregend in den Himmel ragenden Schlosses, vergnügt sich damit, sich selbst zu preisen und den Tierchen unter seinen Untertanen das Leben schwer zu machen. Doch ein sprechender Vogel samt prächtigem Gefieder und Zylinder will das alles nicht auf sich sitzen lassen und streut ihm und seiner ulkigen Gefolgschaft nur zu gern Sand ins Getriebe. Das ist die Grundkonstellation der Märchenverfilmung nach Hans Christian Andersen, ein vor Phantasie nur so strotzender Animationsfilm aus Frankreich.

Dort ist er längst ein Kinderfilmklassiker; hierzulande muss der Film von Groß und Klein erst noch entdeckt werden! Eigentlich erstaunlich, lassen doch die ganzen liebevollen Einfälle, etwa wie moderne Technik im mittelalterlichem Hofleben Einzug hält, an die schönsten Filme des Studio Ghibli denken. Mit „König vs. Vogel“ ist es aber noch nicht getan: Wundersam entsteigen eines Nachts ein Schornsteinfeger und eine Hirtin der königlichen Gemäldegalerie und verlieben sich sogleich. Das Problem ist nun, dass Könige sich stets Hirtinnen zur Frau nehmen, ob diese nun wollen oder nicht… Aber auch hier weiß der hilfsbereite Vogel Rat. Das großkotzige Schloss gerät ins Wanken.

So 05.09.UT Connewitz
14 Uhr2€

05.09.2021 | ЛАДОНИ / Ladoni (SU/Moldauische SSR 1993, Artur Aristakisyan)

SU (Moldauische SSR) 1993, R: Artur Aristakisyan, Dok, 140’, OmU, 35mm

Einer, der das Establishment scheut, hat einen der beeindruckendsten Filme über das System gemacht. Artur Aristakisyan hat bisher nur zwei Filme gedreht – A PLACE ON THE EARTH im Jahr 2001 und davor diesen. LADONI wurde noch vor seinem Studium am Moskauer Gerassimow-Institut für Kinematographie gefilmt und war dann sein Abschlussfilm an der Hochschule in 1993. Er hat 1990 im Laufe von einem Jahr mit der Handkamera Bettler*innen und Blinde in seiner Heimatstadt Kischinau (Moldau) gefilmt. Im Off-Text des Films spricht der Regisseur zu seinem ungeborenen Sohn, weil er seinem Kind Glück wünscht. Wie kann aber jede Person seine Autonomie behalten ohne sich den Gesetzen des Systems zu beugen?

Auf 16 mm-Handkamera gedreht, dann auf 35 mm aufgeblasen, dienen die körnigen Schwarzweißbilder – vor allem aus der Perspektive zeitgenössischer, visueller Kultur – als Veräußerlichung der gewaltigen filmischen Distanz, die uns vom Anfang der 90er Jahre trennt. Die Poetik der Texte Aristakisyans bezeugen von der universellen Angst aller werdenden Eltern angesichts des Zustands der Welt, in der die Kinder hineingeboren werden. Zehn Bettler*innen in zehn Kapiteln des Films – das macht zehn poetische Parabeln über positive und negative Freiheit im Sinne Isaiah Berlins.

So 05.09.UT Connewitz
19 UhrMit einer Einführung von Elina Reitere

regulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€

05.09.2021 | Imperial Valley (Cultivated Run-off) & Ralfs Farben (AT/DE 2018 & 2019, Lukas Marxt)

RALFS FARBEN / RALF’S COLOURS

AT/DE 2019, R: Lukas Marxt, Dok, 74’, OmeU, DCP

IMPERIAL VALLEY (CULTIVATED RUN-OFF)

AT/DE 2018, R: Lukas Marxt, Dok, 14’, ohne Dialog, DCP

Zwei experimentelle Landschaftserkundungen – einmal des Titel gebenden Imperial Valleys, das Teil der Sonora-Wüste ist und entgegen extremer Witterungsbedingungen und dank komplexer Bewässerungssysteme zum fruchtbaren Agraranbaugebiet Südkaliforniens kultiviert wurde. Dronen-Flüge liefern zunächst eindrückliche Aufnahmen der Zurichtung des Terrains und Ökosystems, bis der Ursprung des Gezeigten durch erhöhte Schnitt-Frequenz und elektronischen Soundtrack zunehmend verunklart wird. In RALFS FARBEN ist Lanzarote Ort der Einsamkeit, Isolation und der Raum, in dem die Innerlichkeit, Empfindungen wie Gedankenmaterial, des an Schizophrenie erkrankten Protagonisten und Künstlers Ralf widerhallen.

Fixe Ideen, die schleifenartig wiederkehren, Sinnhaftem folgt kosmologisches Geschwafel, folgen hoch poetische Spontan-Wortbildungen – alles in endlosen Satzkaskaden. Was passierte wohl, wenn die Formel 1-Stars, die Planetenherrschaft übernähmen? RALFS FARBEN ist der Versuch einer Verortung – in Halt- und Orientierungslosigkeit, in menschenleeren Zonen, die allein von einem Hund durchstreift werden. Zerklüftete Vulkanlandschaften, verkrustete Böden. Ist das die Topographie des Wahns?

So 05.09.Luru Kino
19 UhrIn Anwesenheit von Lukas Marxt und Kameramann Michael Petri

regulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€

05.09.2021 | Ne croyez surtout pas que je hurle / Just don’t think I’ll scream (FR 2019, Frank Beauvais)

FR 2019, R: Frank Beauvais, 75’, OmeU, DCP

Ein Mann versucht sich in einer Phase der Einsamkeit mit Filmen zu helfen. Regisseur Frank Beauvais schaut von April bis Oktober 2016 400 Filme, aus denen der nicht endende Bilderstrom von JUST DON’T THINK I’LL SCREAM zusammengesetzt ist. Die Bilder sind Fenster zur Welt und Fenster nach Innen zugleich, per Voiceover wird von seinen persönlichen Umständen erzählt: Nach der Trennung von seinem Partner, mit dem er vor Jahren aus Paris an einen abgelegenen Ort im Elsass gezogen ist, lebt er dort isoliert, ohne Auto, ohne Aufgabe.

Es geht um das Verhältnis zu seinen Eltern, Waldspaziergänge, das Entrümpeln der Wohnung und sein Suchtverhalten, kurze Unterbrechungen seiner Monotonie durch Trips zu Freunden nach Paris oder Lissabon, immer wieder Nachdenken über politisches Tagesgeschehen und gesellschaftliche Verhältnisse: die Anschläge von Paris und Nizza, die sozialen Proteste von Nuit debout, Geflüchtete auf dem Mittelmeer und die eigene Rolle in all dem. Geschildert wird Beauvais’ Leben und gleichzeitig ein Leben im Jahr 2016. Die intimen Bekenntnisse entfalten sich kombiniert mit der obsessiven, cinephilen Selbstmedikation zu einem poetischen Bewegtbildtagebuch, zu einer eindringlichen Studie angesiedelt zwischen Neurose und Exzess.

So 05.09.Luru Kino
21 Uhrregulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€
im Doppel: 11€ / ermäßigt 9€