


AT/DE 2023, R: Martha Mechow, D: Selma Juana Schulte-Frohlinde, Ann Göbel, Joseph Löcker, 100′, OmeU, DCP
In einem abendlichen Wohnzimmer wird die Mutter der kleinen Schwestern Flippa und Furia von ihrem Sofa verschluckt. Kurz vorher sagt sie noch: „Ich wünschte ich wäre ein Teppich, dann könnte ich hier einfach liegen bleiben.“ Sie entledigt sich ihrer häuslichen Pflichten und hinterlässt die Kinder. Jahre später fliegt Flippa nach Sardinien, um Furia zu treffen, die sie lange nicht gesehen hat – die dort in einer Frauenkommune inmitten der Natur lebt. Dort ziehen sie ohne Männer Kinder groß, organisieren spontane Dorfparties und begehen kleine Diebstähle. Die beiden verbringen Zeit zusammen, bis es Flippa weiterzieht, immer auf der Suche nach einer Möglichkeit den „heterosexuellen Knoten“, wie es im Film heißt, zu durchtrennen.
Martha Mechows Debütfilm ist rebellisch, ästhetisch exzessiv und unberechenbar, spielerisch und sehr witzig. Eine überbordende Vielfalt an Ideen, improvisierten Situationen, Musik, Monologen und vielem mehr wird entlang der elliptisch erzählten Geschichte miteinander kombiniert und geht ineinander über. Von kollektivem Spirit, bissigen Lektüren von Jane Austen, Kettensägen, die das Jesuskind von einer Muttergottesstatue abtrennen und materialistischen Ansichten zur Unterdrückung von Frauen hin zu einer Kamera, die sich neugierig bewegt und einem rhythmisierten Schnitt: DIE ÄNGSTLICHE VERKEHRSTEILNEHMERIN bleibt stets im Modus freier Beweglichkeit, die Hoffnung macht.
| Do 5 Sept | UT Connewitz |
| 21:00 Uhr | Am 5.9. in Anwesenheit von Martha Mechow € 7 (6 ermäßigt) |
Eröffnungsfilm



AR/DE/CH 2024, R: Lola Arias, D: Noelia Pérez, Estefanía Hardcastle, Paula Asturayme, 82’, OmeU, DCP
Als Hybrid aus Dokumentation und Fiktion, aus first-hand-storytelling und Musical, eröffnet REAS einen Blick in eine Lebenswirklichkeit, die der Öffentlichkeit ansonsten weitestgehend unzugänglich bleibt: Gedreht im Inneren des Frauengefängnisses Caseros in Buenos Aires rekonstruieren Frauen und Transmenschen ihre Knasterfahrungen – ehemalige Insassinnen selbst werden zu Performerinnen, erzählen, singen und tanzen.
In zum Teil höchst unterhaltsamen Episoden berichten sie etwa von ihren jeweiligen Vergangenheiten. Yoseli – den Eiffelturm auf ihren Rücken tätowiert – singt, an der Sicherheitskontrolle wartend, von ihrem Fernweh, während die Flughafen-Security eine nicht unerhebliche Menge Drogen aus ihrem Koffer zieht. Die Story folgt Yoseli weiter nach Caseros. Schikanöses Knastpersonal, Erfahrungen physischer und psychischer Gewalt sowie der bis ins Detail durchreglementierte Alltag prägen ihr Ankommen und Nicht-Ankommen, ebenso wie Besuche von Angehörigen, romantische Liebe und die Versuche, sich zumindest temporär frei zu machen. Sich Freiheit im Knast zu erobern, bedeutet in REAS vor allem die Fantasie zu weiten, die Abweichung von der Norm zu bejahen. Entlang der Gitterstäbe wird gevoguet und gejammt.
In Anwesenheit von Lola Arias
| Do 5 Sept | UT Connewitz |
| 19:00 Uhr | € 7 (6 ermäßigt) |

Polyester US 1981, R./D.: John Waters, K: David Insley, M: Charles Roggero, D: Divine, Tab Hunter, Edith Massey, Mary Vivian Pearce, David Samson, Ken King, Mink Stole, 35mm, engl. OV
Der „American Dream“ im tropfnassen Schwitzkasten von AA-Treffen und Fetisch, Depression und Klebstoffschnüffeln, religiöser Doppelmoral und dysfunktionaler Familie. Mutter und Hausfrau Francine Fishpaw (Divine) steht vor den Scherben ihrer kleinbürgerlichen Idylle: Gatte Elmer (David Samson) entpuppt sich als Möchtegern-Playboy, der im Geheimen ein Pornokino führt. Auch die Kinder frönen ihren Hedonismen, Sohn Dexter etwa wird über seiner Besessenheit für Füße zum Serientäter. Derweil flüchtet sich Francine in den Alkohol, bis ihre tatsächliche Rettung, Super-Hunk Todd Tomorrow (Tab Hunter), am Horizont auftaucht. „Polyester“ ist nicht nur die erste Studio-Produktion des „Filth Maestro“, sie markiert zusätzlich Waters Hinwendung zu etablierteren Formen des Kinos. In der Erzählung und im Visuellen sucht er die Auseinandersetzung mit Hollywood-Melodramen im Stil von Douglas Sirk. Sein Humor bleibt gewohnt geschmacklos und grenzüberschreitend.
Hairspray US 1988, R./D.: John Waters, K: David Insley; M: Kenny Vance; D: Ricki Lake, Divine, Debbie Harry, Vitamin C, Sonny Bono, Leslie Ann Powers, Ruth Brown, Jerry Stiller, 35mm, OmdU
Waters und seine Muse Divine lieben die exaltierten Farben, Moden, Gags und Figuren des klassischen Hollywood-Musicals. Den „Camp“, den diese kunterbunt schrille Welt gelebter Träume ausstrahlt. Sie greifen das alles auf, machen daraus aber etwas anderes, Queeres: Ihr Retro-Musical, das der letzte Auftritt der früh verstorbenen Divine bleiben sollte, ist Eye-Candy wie die Vorbilder, aber eben auch Kritik am Puritanismus, allgegenwärtigen Rassismus und den Körpernormierungen der US-amerikanischen Nachkriegsjahrzehnte. Und es ist der erste Film, in dem Waters in den Mainstream hineinwill – trotz Baltimore-Underground-Spirit.
Fr 05. Juli | John Waters Doppel LuRu Kino in der Spinnerei 14 Euro fürs Kombiticket. |
| 19:00 Uhr | Polyester (US 1981 engl. OV, 35mm) € 8 (7 erm./red.) |
| 21:00 Uhr | Hairspray (US 1988 engl. OmdU, 35mm) € 8 (7 erm./red.) |
