14.09.22 | DER SCHWARZE KASTEN (DE 1992, Johann Feindt & Tamara Trampe)

DE 1992, R: Johann Feindt & Tamara Trampe, Dok, 95′, OmeU, DCP

„Den schwarzen Kasten eines Menschen aufzubrechen“, so formuliert Jochen Girke eine seiner ehemaligen Aufgaben als Psychologe bei der Staatssicherheit der DDR. Die Black Box als kybernetischen Modell bedeutet, dass alles, was untersucht wird, als ein System betrachtet wird. Der schwarze Kasten besitzt einen Eingang, in den Informationen kommen und verarbeitet werden, um das Verhalten auf Basis der Informationen an die Umwelten anzupassen – jedoch bleibt die Box an sich undurchsichtig. Wir sehen nur, was herauskommt. Ihr Innenleben bleibt im Dunkeln. In dem filmischen Psychogramm DER SCHWARZE KASTEN unternimmt Tamara Trampe zusammen mit Johann Feindt Versuche zu Jochen Girke vorzudringen. Den Bildausschnitt eng gewählt, sitzen wir dicht an dicht mit ihm, ihr und unbequemen Fragen in einem angespannten Raum – ein Abtasten.

Wir hören auch Stimmen aus Girkes persönlichem Umfeld, lernen seine Mutter, seine Ehefrau und weitere Personen kennen. Beim Sprechen-Über muss Trampe immer wieder durch Girkes verbeamtete Sprache hindurchbrechen. Die Regisseurin möchte es wissen: Wie bist du zu der Person geworden, die jetzt vor mir sitzt? Aus persönlichen Fragen leiten sich gesellschaftliche ab. Wie geht das, wie wird die Gewissensinstanz einer ganzen Gesellschaft zerstört? Eine Abbildung des Nicht-Aufgeben-Wollens, des Weiter-Nachfragens. Und womöglich des Scheiterns daran? DER SCHWARZE KASTEN ist einer der ersten Dokumentarfilme aus der Zeit nach der DDR, der sich der Thematik der Aufarbeitung zuwendet.

Mi 14 SeptUT Connewitz
21:00 Uhrregulär: 6,5€ / reduziert 5,5€
Doppelticket mit GOTTESZELL – EIN FRAUENGEFÄNGNIS € 11 / 9 erm.

14.09.22 | GOTTESZELL – EIN FRAUENGEFÄNGNIS (DE 2001, Helga Reidemeister)

DE 2001, R: Helga Reidemeister, Dok, 104′, OmeU, 35mm

Innenansichten eines ansonsten verschlossenen Ortes. „Gotteszell“ in Baden-Württemberg
ist der Mikrokosmos, an dessen Beispiel Helga Reidemeister eine Untersuchung der Institution „Frauengefängnis“ vornimmt, dabei Fragen nach Schuld, Strafe sowie Sühne nachgeht und nicht zuletzt vor allem die Strafgefangenen selbst zu Wort kommen lässt.  
Der Film gelangt von der Darstellung der Haftbedingungen zur Auseinandersetzung mit dem deutschen Rechtssystem und dem justiziellen Umgang mit Frauen, die zu Täterinnen geworden sind. Sechs von ihnen erzählen von ihrem Leben vor der Inhaftierung und von Problemen wie der Trennung von ihren Kindern. Neben denen, gegen die relativ kurze Haftstrafen verhängt wurden – meist wegen Drogendelikten – äußern sich auch jene Gefangenen, die wegen Mordes und Totschlags zum Teil lebenslänglich einsitzen. Viele von ihnen haben sexuellen Missbrauch, körperliche Gewalt und Demütigungen erlitten, bevor sie selbst gewalttätig wurden. Marion etwa erschlug ihren sexuell übergriffigen Arbeitgeber. Die Hilflosigkeit angesichts der Komplexität der Schuldfrage liegt im Verlaufe des Films auf beiden Seiten der Gitter offen zu Tage. Eine der Vollzugsbeamtinnen: „Den einzigen Vorwurf, den man ihnen machen kann, ist vielleicht, dass sie zu lange geduldig waren, ertragen haben.“

Mi 14 SeptUT Connewitz
19:00 UhrMit einer Einführung von Bert Rebhandl

regulär: 6,5€ / reduziert 5,5€
Doppelticket mit DER SCHWARZE KASTEN € 11 / 9 erm.

13.09.22 | WEISSE RABEN – ALPTRAUM TSCHETSCHENIEN (DE/FR 2005, R: Johann Feindt & Tamara Trampe)

DE/FR 2005, R: Johann Feindt & Tamara Trampe, Dok, 92′, OV mit dt. Voice-Over, Digi Beta

Wie kommen Soldaten aus dem Krieg zurück? Das ist die eine Frage, die den Dokumentarfilm WEISSE RABEN, der Anfang der 2000er entstand, begleitet. Wir lernen junge Männer kennen, die die Regisseur:innen Tamara Trampe und Johann Feindt als Täter wie Opfer des Krieges in Tschetschenien zeigen: gebrochene Rückkehrer, aber auch betroffene Eltern, die ihre vermissten Söhne suchen und überarbeitete Angestellte im Moskauer Büro des Komitees der Soldatenmütter Russlands. Trampe synchronisiert die Stimmen der Protagonist:innen. Sie gibt ihnen ihre eigene Stimme und rückt damit nahe an sie heran – so wie sie es auch in ihren Gesprächen tut. In WEISSE RABEN zeigt sich die Stärke der Regisseurin, an die Gebeutelten herantreten und ihrer Verstummtheit begegnen zu können. So wie sie sich auch Zutritt zu versperrten Orten verschafft und im Gefängnis mit Kiril spricht, der nach seinem Kriegstrauma ein Sexualverbrechen beging und verurteilt wurde. Dabei tritt sie selbst als Fragestellerin ins Bild, ist zugänglich, aber auch beharrlich.
Parallel dazu thematisiert WEISSE RABEN auch die schwierige Spurensuche nach Bildern aus dem Tschetschenienkrieg, denn in Tschetschenien selbst konnte nicht gedreht werden. Trampe und Feindt sind mit ausgedruckten Standbildern aus einem russischen Videofilm, der die Verhaftung einer tschetschenischen Einheit durch russische Soldaten zeigt, unterwegs. Sie suchen nach den beiden Frauen, die dort am Boden knien, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, ihr Blick direkt in die Kamera gerichtet. 

Di 13 SeptLuru Kino in der Spinnerei
21:00 Uhrregulär: 6,5€ / reduziert 5,5€
Doppelticket mit MIT PYRAMIDEN : 11€ / 9€ reduziert

13.09.22 | Mit Pyramiden (D 1990, Renate Sami)

D 1990, R: Renate Sami, Dok, 93′, OmdU, 16mm

Renate Samis MIT PYRAMIDEN ist ein schwer einzuordnender Dokumentarfilm, am ehesten ist er wohl ein Travelogue. Das Bild eines fernen Landes wird hier aus unterschiedlichen Stimmen, Klängen, Gesichtern und Interieurs zusammengesetzt, es bleiben dabei Ecken und Kanten zurück, nichts ist harmonisch abgerundet. Wir sehen vom Auto aus ägyptische Wüsten- und Stadtlandschaften, die wir in 8mm- und 16mm-Aufnahmen gemeinsam mit Sami erkunden, während uns die Tonspur verschiedene Texte präsentiert. Diese handeln etwa von sagenumwobenen Stadtgründungen, geben aber auch Einblick in Geschichten ägyptischer Frauen, die von ihren leidvollen Eheerfahrungen, allgemein vom Frausein in einer patriarchalen Gesellschaft berichten.

Die Erfahrung, die man dabei als Zuschauer:in macht, fasst Samis Kollegin und Freundin Ute Aurand so poetisch, wie der Film selbst ist, zusammen: „Dinge stoßen aneinander, die ich nicht vermute. Sie erzeugen einen neuen Raum, außerhalb des Films. Das Vergnügen an diesen unvorhersehbaren Verwunderungen zwischen den Bildern gibt dem Film eine ihm ganz eigene Energie. (…) Nichts wird erklärt. Ich sage dazu Freiheit – und das ist der Zustand, in den mich dieser Film versetzt.“

Di 13 SeptLuru Kino in der Spinnerei
19:00 Uhrregulär: 6,5€ / reduziert 5,5€
Doppelticket mit WEISSE RABEN: 11€ / 9€ reduziert

12.09.22 | ELES TRANSPORTAN A MORTE / THEY CARRY DEATH (ES/CO 2021, Helena Girón & Samuel M. Delgado)

ES/CO 2021, R: Helena Girón, Samuel M. Delgado, D: Nuria Lestegás, Sara Ferro, Xoán Reices, Valentín Estévez, 75′, OmeU, DCP

Sie tragen den Tod. Und versuchen ihm doch zu entkommen. Eine Gruppe von Verurteilten entwischt auf den Kanaren der Flotte Christoph Kolumbus‘ und flieht mit einem riesigen Segel über die vulkanische Einöde. In Galicien indes wird eine junge Frau, die sterben wollte, von ihrer älteren Schwester gefunden und auf dem Rücken eines Esels zu einer Heilerin gebracht. Die Figuren sind Teilchen eines größeren Kosmos, in welchem die Sonne martert, der Wind ätzt, der Wald fiebert, die Erde blutiges Gestein spuckt, die See nach den ihr versprochenen Körpern sucht und die Schiffe den Tod weitertragen – hinein in die „Neue Welt“.

Wie erzählt sich Geschichte? Wer trägt Bedeutung? Wer ist der Sklave Caliban und wer die Hexe Sycorax? Das Regie-Duo Helena Girón und Samuel M. Delgado entwirft in seinem ersten gemeinsamen Langfilmprojekt eine kraftvoll-kontemplative Reflexion über die Fragilität von Historie und die Rolle von Geschlecht in dieser und wagt dabei in eruptiver Eleganz sowohl das Sakrileg der Intervention als auch der schweigenden Leere.

Mo 12 SeptSchaubühne Lindenfels
19 Uhrregulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€