Abuse of Weakness
(F 2013, R: Catherine Breillat, D: Isabelle Huppert, Kool Shen, 104’, OmeU, DCP)
Catherine Breillat darf in einem Programm, das sich mit Intimitäten und weiblich-begehrlichen Perspektiven auseinandersetzt, natürlich nicht fehlen. In unserer Auswahl macht Abuse of Weakness das, was ihre kontroversen Filme meist vollbringen: er erweitert die thematische Bandbreite der Vaginale mit seiner ganz eigenen Sicht auf die Dinge. Er ist vielschichtig und autobiographisch inspiriert. Die Anti-Heldin Maud – eine starke, risikofreudige Regisseurin – erholt sich von einem Schlaganfall zu Hause. Im Fernsehen sieht sie den arroganten, charismatischen Vilko, den sie unbedingt in ihrem nächsten Film haben will. Zwischen den beiden entwickelt sich ein seltsam freundschaftliches, fortwährendes Machtspiel, das auf Kontrolle und gegenseitiger Abhängigkeit beruht. Hupperts Ganzkörperperformance ist ein unwiderstehliches Glanzstück, an deren Seite der französische Rapper Kool Shen jedoch eine nicht allzu schlechte Figur abgibt. Exquisit wird erzählt, dass das Ausnutzen einer Schwäche immer verbunden ist mit dem Ausnutzen einer Stärke. Vielleicht kann sich also sogar ein starker Charakter als Schwäche entpuppen. „The abuse of weakness is something delicious. You are very happy when it is happening to you.“ (Breillat)
24. April, 20 Uhr – Schaubühne Lindenfels – 6/5 (erm.) Euro
GEGENkino präsentiert Videokunst: all eyez on v
Der gesamte Ballsaal der Schaubühne Lindenfels wird sich für all eyez on v in einen Raum voller Leinwände und Screens verwandeln. Das Wort screen beinhaltet in seiner oszillierenden Doppeldeutung von abschirmen und zeigen einen wichtigen Grundzug der Ausstellung. Bis heute haben viel zu oft haben alle außer die Frauen selbst auf der Leinwand über Frauen erzählt. Sie waren von der Öffentlichkeit abgeschirmt, sie haben es immer noch oft schwer ihre Perspektiven angemessen zu platzieren. Wir sind an eben jenen anderen Perspektiven sehr interessiert! Deswegen erobern wir mit ihnen den männlich dominierten Leinwandraum zurück und präsentieren mit all eyez on v eine kuratierte Auswahl an Arbeiten, gemacht von Künstlerinnen, die unserer Aufforderung nachgekommen sind und ihre Videos eingereicht haben.
23. bis 25. April
Ballsaal Schaubühne Lindenfels
23. April: Eröffnung 18.30 Uhr
24. & 25. April: 19 – 23 Uhr
Kuration: Stephan Langer, Clara Wieck, Katharina Wittman
German Angst
(D 2015, R: Jörg Buttgereit, Michal Kosakowski, Andreas Marschall, D: Lola Gave, Axel Holst, Annika Strauss, Andreas Pape, Matthan Harris, Milton Welsh, Kristina Kostiv, Désirée Giorgetti, 111’, dF & eOmdU, DCP)
In Anwesenheit von Regisseur Andreas Marschall
Heute reichern wir unser Programm um ein wenig Blut und Rachefantasien an: Die Horrorfilmcollage „German Angst“ von den deutschen Kult-Horror-Filmemachern Jörg Buttgereit, Michal Kosakowski and Andreas Marschall wird im Rahmen unseres Festivals zu sehen und die beiden letztgenannten Regisseure werden auch persönlich vor Ort sein.
Frei von „German Angst“, also spezifisch deutscher Übervorsicht, einer unbestimmten Furcht gepaart mit Grübelei und Zögerlichkeit, sind die Episoden des Regie-Dreigestirns Buttgereit, Kosakowski und Marschall. Ihre drei Großstadt-Alpträume sind mutig, unangepasst, roh und brutal – ein erleichternder Beitrag deutschen Genrekinos, der selbst für Nichtkenner unterhaltsam und lehrreich in Bezug auf die eigenen Ängste und die Beanspruchbarkeit elektrischer Brotmesser sein dürfte.
Buttgereits „Final Girl“ bildet den Auftakt: eine hässliche, weiße Gardine. Dahinter, in Nahaufnahme, ein ungefähr 14 Jahre altes, schlafendes Mädchen. Ist sie das „Final Girl“? Die Wohnung ist ein Dreckstall. Im Radio eine Nachricht von einem Mann, der seine Frau zerstückelt hat. Er dachte, so heißt es, er sei Jesus und seine Frau der leibhaftige Teufel. Nebenbei nimmt das Mädchen eine Geflügelschere und geht ins elterliche Schlafzimmer.
„Make a Wish“ von Michal Kosakowski erzählt, wie Kasia und Jacek, ein gehörloses polnisches Pärchen, in die Hände einer sadistischen Neonazi-Bande gerät. Die beiden jungen Leute scheinen den Schlägern schutzlos ausgeliefert. Aber Kasia hat ein Amulett, das im zweiten Weltkrieg schon den Lauf der Geschichte änderte und damit ihre Mutter rettete. Auch diesmal geschieht etwas Magisches, das die Situation überraschend verkehrt.
In der letzten Episode „Alraune“ von Andreas Marschall stößt ein junger Mann im Berliner Nachtleben auf einen geheimen Erotik-Club, der mit Hilfe einer Droge aus den Wurzeln der sagenumwobenen Alraune die ultimative sexuelle Grenzerfahrung verspricht. Aber die ekstatischen Erlebnisse haben grauenhafte Nebenwirkungen.
21. April, 20 Uhr – Luru Kino – € 6/5 (erm.)
Top Girl oder la déformation professionnelle
(D 2014, R: Tatjana Turanskyj, D: Julia Hummer, RP Kahl, Stefan Mehren, 99’, OmeU, DCP)
In Anwesenheit der Regisseurin.
Und unser Festivalprogramm ist um eine weitere großartige Filmemacherin: Tatjana Turanskyj wird ihren aktuellen Film “Top Girl oder la déformation professionnelle” vorstellen und im Anschluss an den Film für ein Gespräch mit dme Publikum zur Verfügung stehen. Da uns weibliche Autorinnenschaft beim diesjährigen GEGENkino sehr am Herzen lag, sind wir umso glücklicher den Film in Anwesenheit der Regisseurin zeigen zu können.
Momentaufnahmen einer zeitgenössischen, brüchigen, weiblichen Arbeitsbiografie: Helena in Latex, Leder, Netzstrumpfhosen, mit langen Wimpern und Sexspielzeug bei der Arbeit in einem Escort-Service. Männliche Kunden haben diverse Vorlieben. Helena ist kein osteuropäisches Mädchen, das ins Land verschleppt wurde, auch keine selbstbewusste Hure, die ihre freiwillige Prostitution als emanzipatorischen Akt verstanden haben will. Eigentlich möchte sie als Schauspielerin arbeiten. Während eines Castings, bei dem sie eine notgeile Frau spielen soll, bündeln sich die Widersprüche ihres Lebens. Dabei werden die Übergänge zwischen etablierten Formen des Schauspiels, der Performance in Beruf, Familienleben und eben auch in der Sexarbeit zunehmend unscharf. Top Girl ist der zweite Teil aus Tatjana Turanskyjs Frauen-und-Arbeit-Trilogie, die sich mit den Arbeitsverhältnissen und den ökonomisierten Beziehungen, in denen sich Frauen bewegen, beschäftigt. Sie selbst ist Mitbegründerin der Initiative ProQuote-Regie, die sich für eine geschlechterparitätische Besetzung von Filmfördergremien einsetzt und den Abbau struktureller Benachteiligungen für Regisseurinnen vorantreibt.
23. April, 22 Uhr – Schaubühne Lindenfels – € 6/5 (erm.)
Haftanlage 4614 & Der Unfertige
(D 2015 & 2013, Dok, R: Jan Soldat, 60’ & 48’, OmeU, BluRay)
In Anwesenheit des Regisseurs und des Darstellers Klaus Johannes »Der Unfertige« Wolf
Das titelgebende Gefängnis ist hier kein Ort, an dem der Strafvollzug waltet, sondern eine private Zuchtanstalt, in dem Bondagephantasien und Unterwerfungsfetische ausgelebt werden. Der fixierte Mann auf dem Boden ist also freiwilliges Opfer und zahlender Kunde zugleich. Seine Qualen sind eine Dienstleistung, im Vorgespräch geplant und mit Hilfe von JVA-Armaturen und Guantanamo-Overall authentisch arrangiert.
Dass dieses Setting dennoch unerwartet viel Raum für Zuneigung, Einfühlung und Vertrauen lässt, arbeitet Jan Soldat durch seine wohlüberlegte Erzählstruktur und seine pointierten, geschickt platzierten Fragen heraus. Spätestens wenn die Häftlinge und Wärter auf diese antworten, beginnen sie von sich zu erzählen und ihren Aufenthalt hinter Gittern mit „abschalten“ und „Alltag hinter sich lassen“ zu umschreiben, dringt Normalität in die Abweichung.
Als frei von jeglichen Sentimentalitäten und Vermittlungsversuchen des sexuell Randständigen erweist sich auch der Der Unfertige – ein dokumentarisches Kurzportrait über den 60-jährigen Klaus Johannes Wolf und sein Leben als Sklave. An sein Bett gekettet spricht er über seine Erfahrungen, seine Eltern und darüber, was es bedeutet, nackt zu sein.
22. April, 21 Uhr – UT Connewitz – € 6/5 (erm.)













