26.08.21 | The Twentieth Century (CA 2019, Matthew Rankin)

CA 2019, R: Matthew Rankin, D: Dan Beirne, Mikhaïl Ahooja, Catherine Saint-Laurent, 90′, OmU, DCP

Kanada, 1899. Der 22-jährige Lyon William Mackenzie King befindet sich in diplomatischer Ausbildung und strebt das Amt des Premierministers an, das in einem Wettbewerb vergeben wird. Siege in Disziplinen wie kalligrafisches Pinkeln des eigenen Namens in Schnee und das zeremonielle Zerschneiden roter Bänder sollen Führungsqualitäten beweisen. Neben einer neurotischen, bettlägrigen Mutter, zu der King eine ödipale Beziehung unterhält, hindern ihn ein obsessiver Schuhfetisch und sein Konkurrent Bert Harper daran, in der Rolle des Staatsmannes aufzugehen. Harper nimmt King gleich zwei Lieben: Kanada und Ruby, die Tochter des Generalgouverneurs.

Hinter der Filmfigur schimmert die historische Person King durch, deren sechs Amtszeiten als Regierungschef selbst Helmut Kohls Durchhaltevermögen in den Schatten stellen. Auf den realen King bezieht sich Rankin satirisch und queer-pervertiert, demontiert dabei Nationalstolz und Führerkult.
Korrespondierend zur Materialität – gedreht wurde auf 16 mm und Super8 – lassen sich zahlreiche filmhistorische Anlehnungen finden, in Parodien melodramatischer Tearjerker-Momente oder der Gestaltung der Räume. Die minimalistischen Bühnenbilder sind teilweise aus Pappe gebaut und bilden das perfekte Setting für das kanadischste Duell der Filmgeschichte – ausgetragen in Schlittschuhen auf dem von mordlustigen Einhorn-Walen durchbrochenen Schelfeis.

Do 26.08.UT Connewitz
19 Uhrregulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€

26.08.2021 | Ham on Rye (US 2019, Tyler Taormina)

US 2019, R: Tyler Taormina, D: Haley Bodell, Audrey Boos, Gabriella Herrera, 85′, OmU, DCP

Noch bevor die retrolastigen Opening-Credits zu Poprock über die Leinwand ziehen, sehen wir quasi dokumentarische Porträtaufnahmen in einem Park. Was kurze Zeit später folgt, hat nichts mehr damit zu tun. So etwas wird in HAM ON RYE nicht das letzte Mal passieren: Stile, Schauplätze und Stimmungen wechseln sich ab: mal schrill und lieblich, dann wieder wirklichkeitsnah und entschleunigt, häufig mit düsteren Vorahnungen à la BLUE VELVET versehen.

Doch zunächst die musikuntermalten Detailaufnahmen von Kids, wie sie sich rausputzen, den Schlips umbinden, schöne weiße Kleider anziehen. Eine dieser amerikanischen Prom-Night-Komödien? Nicht ganz. Schnell merkt man, dass hier uramerikanische Mainstreamgenres zelebriert werden – die Art jedoch, wie der Film von A nach B kommt, dazu quer liegt. Die junge Bevölkerung bereitet sich anscheinend auf ein besonderes Event vor. Unter ihnen sind die begehrten Kleinstadtschönheiten, die nun noch blendender aussehen, und die Nerds, die vor dem großen Zusammentreffen in Monty’s Diner Bammel haben. Nachdem man sich dort saftige, von der Kamera regelrecht zelebrierte Sandwiches gegönnt hat, folgt der eigentliche Programmpunkt des Abends: Eine irreale Dating-Choreographie, die das Leben der Teenager für immer verändern wird…

Do 26.08.2cl Sommerkino auf Conne Island
21.30 Uhrregulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€

27.08.2021 | MASTERCLASS MIT ELOY ENCISO

Die endlose Nacht des faschistischen Franco-Regimes wirft noch heute ihre Schatten in die politische Gegenwart Europas. Vor diesem Hintergrund sichtet der galicische Filmemacher Eloy Enciso gemeinsam mit den Teilnehmenden seinen Film LONGA NOITE (ENDLESS NIGHT) aus dem Jahr 2019 in Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Im Anschluss werden auf der Grundlage des Screenings verschiedene Aspekte im Gespräch beleuchtet: etwa die Rolle der dokumentarischen und literarischen Texte bei der Drehbuchentwicklung, die konsequente Arbeit mit Laiendarsteller*innen, die Wirkungsweisen eines ästhetischen Minimalismus sowie die Möglichkeiten und Grenzen der politischen Parabel im Spiel- und Dokumentarfilm.

Eloy Enciso studierte Dokumentarfilm an der Escuela Internacional de Cine y TV in Kuba. Seine Werke wurden u.a. im Centre de Cultura Contemporània de Barcelona, im Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, im Museum of Modern Art New York (MoMA) und im Museum of the Moving Image gezeigt. Im Jahr 2014 erhielt er das Robert Gardner-Stipendium vom Harvard Film Study Center und war Teilnehmer am Mo- MA-Programm Modern Mondays. Enciso lebt und arbeitet in Galicien.

Fr 27.08.HGB Leipzig
10.00 – 15.30 UhrEine Teilnahme ist nur mit vorheriger Anmeldung unter kontakt@gegenkino.de möglich.
Die Teilnehmer*innenzahl ist begrenzt.

Sprache: Englisch

mit Unterstützung der Botschaft von Spanien in Berlin

27.08.2021 | Rodina heißt Heimat (DE 1992, Helga Reidemeister)

DE 1992, R: Helga Reidemeister, Dok, 114’, dt. OV, 16mm

1991 beobachtete die westdeutsche Filmemacherin Helga Reidemeister acht Monate lang den Abzug der sowjetischen Truppen aus Meiningen in Thüringen. Sie sprach mit den jungen Soldaten noch an ihrer letzten Stationierung und begleitete sie in das Auflösungslager in der Ukraine und ferner zu ihren Familien nach Kiew, Samarkand und Nowosibirsk. Parallel zu dem Leben der Soldaten fand der Moskauer Putschversuch statt, und die Sowjetunion fiel auseinander. Was war für sie die Heimat, in die sie zurückkehrten, die es aber nicht mehr gab?

Als Soldaten mussten sie innerhalb der Hierarchie des Heeres Gehorsam leisten. Nachher, als freie Menschen, durften sie selbst ihre Entscheidungen treffen. RODINA HEIßT HEIMAT beeindruckt als zeitgenössisches Dokument einer historischen Veränderung. Was den Film aber zudem ins Heute und Jetzt holt, sind die politischen Ereignisse des letzten Jahrzehnts in Europa und Russland. Während der Dreharbeiten des Films im Jahr 1991 durften die sowjetischen Bürger*innen ihren Willen zur Selbstbestimmung realisieren. Heute aber sind die Fragen nach freier Meinungsäußerung, nach Grenzen – im Inneren und Äußeren – und nach Selbstzensur wieder aktuell.

Fr 27.08.Luru Kino in der Spinnerei
19 UhrMit einer Einführung von Elina Reitere

regulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€
im Doppel: 11€ / ermäßigt 9€

https://www.youtube.com/watch?v=w58WJNX4A0Y&ab_channel=filmarchiv100

27.08.2021 | Is it easy to be young? (SU/Lettische SSR 1986, Juris Podnieks)

SU (Lettische SSR) 1986, R: Juris Podnieks, Dok, 83’, OmeU, DCP

IS IT EASY TO BE YOUNG? von Juris Podnieks (1950– 1992) zählt zu den bedeutendsten Dokumentarfilmen, die in den letzten Jahren der UdSSR entstanden sind und gilt als einer der ersten, der die neue Stimmung im Staat unter der Glasnost- Agenda von Michail Gorbatschow filmisch einfing. Er beginnt mit Aufnahmen eines Konzertes der verbotenen Band Pērkons. Als Jugendliche auf dem Rückweg nach Riga Eisenbahnwaggons demolieren und ihnen ein Schauprozess gemacht wird, sucht Podnieks die Betroffenen im Gefängnis auf und spricht offen mit ihnen über ihre Ängste anstatt zu moralisieren oder zu verurteilen.

Und so begegnet er mit Offenheit, Ehrlichkeit und tiefem Interesse all seinen Filmhelden, die als Ganzes ein Kaleidoskop jener Akteur*innen der sowjetischen Gesellschaft bilden, die bis dahin unsichbar gebliebenen sind, weil sie nicht systemkonform sind oder weil ihre persönliche Sicht auf die Ereignisse von der ofiziellen Parteilinie erheblich abweicht. Punks, Veteranen des Afghanistan-Krieges, junge Mütter und ihre Geschichten zeugen vom unmöglichen, individuellen Kampf gegen das System. IS IT EASY TO BE YOUNG? war ein Blockbuster und hatte in der Sowjetunion 28 Millionen Zuschauerinnen.

Fri 27.08.Luru Kino in der Spinnerei Open Air
22 UhrMit einer Einführung von Elina Reitere

regulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€
im Doppel: 11€ / ermäßigt 9€