10.09.26 | DRINKING AND DRIVING (CA 2026, Avalon Fast, Jillian Frank)

CA 2026, R: Avalon Fast, Jillian Frank, D: Avalon Fast, Jillian Frank, Ethan Hawksworth, 105′, Englische OV, DCP

Iris und Palmer sind Anfang 20 und beste Freundinnen. Sie haben beide nie die Kleinstadt verlassen, in der sie geboren wurden. Sie arbeiten im selben Restaurant, sie teilen sich ein Bett und ein Telefon, sie fahren gern mit dem Auto herum und trinken dabei. Eines Tages begegnen sie Levi, den sie von früher kennen und beginnen mit ihm und seinem Cousin Phoenix Zeit zu verbringen – in Autos, auf Parkplätzen, in Wohnungen und Betten anderer Leute. Als Levi einen Traum mit Iris erzählt, kommt es zu Veränderungen in der Gruppe. 

Die Regisseurinnen Avalon Fast und Jillian Frank stehen in DRINKING AND DRIVING sowohl hinter als auch vor der Kamera in den beiden Hauptrollen. Der Hangout-Film strahlt eine unbekümmerte Melancholie aus, die verträumte Ästhetik seiner Lo-Fi Handkamera schwenkt um Autos wie Körper und Gedanken herum und schafft ein sommerliches Porträt voll Ziellosigkeit und sinnlicher Selbstvergessenheit der jungen Arbeiter:innenklasse im ländlichen Kanada. Sein authentisches Gespür für Orte und Figuren vermitteln das Gefühl Einblicke in private Welten zu bekommen – ähnlich wie frühe Filme von Larry Clark aus den 90ern, nur aus dezidiert weiblicher Perspektive.

Do 10 September 2026Luru Kino
21:00 UhrDeutschlandpremiere
€ 7,50 (6,50 ermäßigt)

Editorial | GEGENkino 2026

Es pixelt gewaltig beim GEGENkino. Wir haben uns zwischen den Jahren in Bibliotheken verkrochen und Wissenschaftsbände gewälzt. Dabei fiel uns Hito Steyerls Essay „In Defense of the Poor Image“ von 2009 in die Hände. Auf wenigen Seiten beschreibt sie pointiert die politischen, ästhetischen, sozialen, globalen und kommerziellen Bedingungen von „Poor Images“, die vervielfältigt, bearbeitet, getauscht, gedownloadet und dauerkonsumiert werden. So richten wir in dieser Ausgabe unsere Sinne auf unreine und fehlerhafte Bilderwelten, die Budgetnot, Zeitgeist, Formatfetisch, Anti-Haltung oder bewusste künstlerische Entscheidungen verkörpern.

So tauchen wir in DRY LEAF in die poetischen Bildfragmente Aleksandre Koberidzes ein, der mit einem Sony Ericsson W595 in Georgien drehte, und folgen Kamal Aljafari zusammen mit seinem Begleiter in das unzerstörte Gaza von 2001. Neben MIT HASAN IN GAZA, der aus wiedergefundenen MiniDV-Kassetten entstand, zeigen wir die künstlerische Wiederaneignung gestohlenen palästinensischen Archivmaterials in A FIDAI FILM. Mit THE KARTLI KINGDOM kehren wir nach Georgien zurück, wo aus Abchasien vertriebene Menschen in einem ehemaligen Krankenhaus für ihre Rechte kämpfen. In IF PIGEONS TURNED TO GOLD porträtiert Pepa Lubojacki mit ihrem Handy ihren alkoholkranken Bruder und zwei suchtkranke Cousins. Die Volksdroge spielt auch in der DRINKING AND DRIVING eine zentrale Rolle, in der liebenswert orientierungslose Charaktere im kanadischen Hinterland ihren Sommer zelebrieren. All diese Filme eint ein Bewusstsein für Form, Materialität und Implikationen „armer“ Bilder. Dazu passt unsere außergewöhnlichste Deutschlandpremiere: die Liveperformance von VJ Emmy, der aus Kampala anreist, um den neuesten Film aus dem Low-Budget-Produktionshaus Wakaliwood mit Stimme und Energie zu begleiten: EATEN ALIVE IN UGANDA von Nabwana I.G.G. Den Schwerpunkt rundet Gastkuratorin Norika Sefa mit ihrer Kurzfilmrolle ORDINARY ERRORS: EVERYTHING ABOUT YOURSELF ab.

Zudem geben wir einen umfangreichen Einblick in das Programm des österreichischen Experimentalfilmverleihs SIXPACKFILM aus Wien. Dietmar Schwärzler, Kurator und Geschäftsführer, hat mit uns zwei Kurzfilmprogramme zusammengestellt – ein historisches zum österreichischen Avantgardefilm und eines mit aktuellen Arbeiten – sowie eine Personalie zur Filmkünstlerin Viktoria Schmid in ihrer Anwesenheit. Darüber hinaus haben wir zwei weitere Personalien im Programm: In ZUR SPRACHE KOMMEN beschäftigen wir uns mit den schnörkellos humanen Dokumentarfilmen von Nurith Aviv, der in Israel geborenen Regisseurin und ersten Kamerafrau Frankreichs. In ZWISCHEN WELTEN blicken wir auf das poetisch dichte Schaffen von Ewelina Rosinska, die nach Leipzig anreisen wird.

Und endlich ist wieder das MILIEU KINO aus Wien zurück! Nach einem Jahr Pause können wir wieder vergessene (Trash-)Perlen und unterhaltsame Kinderprogramme im Truck auf euch abfeuern. Natürlich gibt es auch eine Vertonung. Diesmal flimmert der sowjetische Stummfilm KOSMISCHE REISE über die Leinwand des UT Connewitz, begleitet von den ausgefallenen Geräuschlandschaften des Musikers und Klangkünstlers FM Einheit (u.a. Ex-Einstürzende Neubauten). Und sonst so? Mit von der Partie sind ein komplett aus dem Ruder laufender Filmdreh in Brasilien, eine mythische Endzeitwelt voller Kinder, Licht und Schatten im argentinischen Südpatagonien, passionierte Literaturgespräche in Berlin, eine kanadisch-tibetische Kleptomanin in Toronto, der größte Truppenübungsplatz Europas in Sachsen-Anhalt, eine bedrohte Sprache in Vietnam und komplett kranke Gewaltexzesse aus Indonesien, garniert mit einer Ladung treffsicheren Humors. Voilà – gern geschehen.



Editorial

Things are getting seriously pixelated at GEGENkino. We holed up in the libraries between Christmas and New Year, poring over academic volumes. That’s when Hito Steyerl’s 2009 essay “In Defense of the Poor Image” fell into our hands. In just a few pages, she pointedly describes the political, aesthetic, social, global and commercial conditions surrounding “poor images”, being reproduced, edited and exchanged, downloaded and consumed endlessly. And so, in this issue, we turn our attention to the impure and flawed visual worlds that can embody so much: budgetary constraints, zeitgeist, format fetish, an anti-attitude or conscious artistic decision.

In DRY LEAF, we immerse ourselves in the poetic visual fragments of Aleksandre Koberidze, who filmed in Georgia using a Sony Ericsson W595, and follow Kamal Aljafari and his companion into the undamaged Gaza of 2001. Alongside WITH HASAN IN GAZA, which was created from rediscovered MiniDV cassettes, we present the artistic reappropriation of stolen Palestinian archive material in A FIDAI FILM. With THE KARTLI KINGDOM, we return once more to Georgia, where people displaced from the Abkhazia region are fighting for their rights in a dilapidated former hospital. In IF PIGEONS TURNED TO GOLD, director Pepa Lubojacki uses her mobile phone to portray her alcoholic brother and cousin. The popular drug also plays a central role in the German premiere of DRINKING AND DRIVING, in which endearingly disoriented characters celebrate their summer in the Canadian hinterland. All these films share a specific awareness of form, materiality and the implications of “poor” images. Thematically linked to this is our most extraordinary German premiere: the live performance by VJ Emmy, who is travelling to Leipzig specially from the Ugandan capital Kampala to accompany the latest release from the low-budget production house Wakaliwood at UT Connewitz with his voice and his very own energy: look forward to EATEN ALIVE IN UGANDA by Nabwana I.G.G.! To round off this thematic focus, guest curator Norika Sefa has brought together her ideas in an exciting short film reel entitled ORDINARY ERRORS: EVERYTHING ABOUT YOURSELF.

And finally, MILIEU KINO from Vienna is back! After a year’s break, we can once again treat you to forgotten (trash) gems and entertaining children’s programmes inside the truck. You’re probably already wondering: “But don’t they do some kind of live scoring every year?” And you’re absolutely right! This time, the Soviet silent film COSMIC JOURNEY will be flickering across the screen at UT Connewitz, accompanied by the exceptional soundscapes of musician and sound artist FM Einheit (former Einstürzende Neubauten, amongst others). And what else? Also featuring: a film shoot in Brazil that goes completely off the rails; a mythical apocalyptic world full of children; light and shadow in southern Patagonia, Argentina; passionate literary discussions in Berlin; a Canadian-Tibetan kleptomaniac in Toronto; Europe’s largest military training area in Saxony-Anhalt; an endangered language in Vietnam; and utterly sickening acts of violence from Indonesia, all topped off with a generous load of spot-on humour. Voilà – you’re welcome.

Trailer | 20. September 2026 – GEGENkino #12

Teaser 2026

Das GEGENkino kommt in Bewegung und eröffnet am 10.09.2026 seine 12. Ausgabe!

Auch diesmal bleiben wir unserem Motto treu: GEGENkino ist nicht gegen das Kino, sondern für ein bestimmtes. Gemeinsam mit euch und internationalen Gäst:innen widmen wir uns unterschiedlichen Spielarten des unkonventionellen und ästhetisch querstrebenden Kinos.

Vom 10. bis 20. September zeigen wir zahlreiche Lang- und Kurzfilme. Hinzu kommen Formate, die die klassische Kino-Erfahrung erweitern, sowie kritische Vermittlungen, die einzelne Arbeiten und die Bedingungen diskutieren, unter denen Filme entstehen und zirkulieren.

Wie immer sind wir im UT Connewitz, im Luru-Kino in der Spinnerei und in der Schaubuehne Lindenfels – und dieses Jahr auch wieder mit dem Milieu Kino in Leipzig unterwegs.

Bald mehr zum Programm und seinen Highlights.

11.09.26 | Mondflug mit Schlagwerk – FM Einheit vertont KOSMISCHE REISE

KOSMISCHE REISE (KOSMIČESKIJ REJS)

SU 1936, R: Wassili Schurawljow, D: Sergei Komarow, Xenija Moskalenko, Wassili Gaponenko 70′, OmeU, DCP 

KOSMISCHE REISE von Wassili Schurawljow ist der letzte sowjetische Stummfilm und entstand zu einer Zeit, als sich der Tonfilm schon längst durchgesetzt hatte. Der Film zeigt ein fiktives Moskau des Jahres 1946 als Zukunftsstadt: das Raumfahrtsprogramm ist technisch soweit fortgeschritten, dass eine Rakete ins Weltall geschossen werden kann. Professor Pavel Sedikh, der eine Expedition zum Mond leiten soll, wird von seinem Rivalen Professor Karin als zu alt und psychisch ungeeignet für die Mission angesehen. Unterdessen misslingen die ersten Raketentests: das zuerst gestartete Kaninchen kommt ums Leben, eine Katze verschwindet spurlos. Mit Hilfe seiner Assistentin Professorin Marina und des jungen Andrjuscha schafft Sedikh einen erfolgreichen Start, Flug und eine Landung auf dem Mond, bei der sich die Crew mit auftretenden Problemen auseinandersetzen muss: der Schwerelosigkeit, dem Mangel an Sauerstoff oder ausreichender Körperwärme bei Temperaturen unter Null Grad. Ihre Mission wandelt sich zu einer Rettungsaktion, als Sedikh bei einer Mondwanderung ausrutscht, in eine Gletscherspalte stürzt, unter einem Felsbrocken eingeklemmt wird und ihm langsam der Sauerstoff ausgeht.

Eines der ästhetischen Merkmale des Films ist die erstaunlich realistische Abbildung einer Reise zum Mond, bevor solche Szenarien wirklich stattgefunden haben. Begünstigt durch die Mitarbeit des Wissenschaftlers und Begründers der modernen Kosmonautik Konstantin Ziolkowski schildert der Film ästhetisch in äußerst akkurater Vorhersage das Versuchslabor, den riesigen Hangar, das Raumschiff und seine Treibwerke sowie dessen Innenraum und Beleuchtung, die Raumanzüge und die Mondoberfläche. Sowjetische Kosmonaut:innen, die den Film 30 Jahre später sahen, waren beeindruckt von den Kulissen und der Realitätsnähe der Schwerelosigkeits-Szenen, die mit Stop-Motion-Tricktechnik animiert wurden. 

Vertonen wird den Film FM Einheit, der in Sachen Avantgarde und präziser Handarbeit nicht besser zum Film passen könnte. Ob als Schlagzeuger der Hamburger Punkbands „Abwärts“ und „Palais Schaumburg“ oder versteckt hinter allerlei Metallschlagwerk bei den „Einstürzenden Neubauten“, ob als Solokünstler oder in zahlreichen Kollaborationen mit Andreas Ammer und Ulrike Haage von den „Rainbirds“: der musikalische Tausendsassa war und ist stets auf der Suche nach unbetretenen Wegen und fordert immer wieder Hörgewohnheiten heraus. Er bewegt sich sowohl im Konzert-, wie auch im Theater- und Kunstbetrieb und gilt längst auch international als einer der versiertesten und renommiertesten deutschen Musiker. 

Das Bühnensetup besteht aus digitaler Elektronik, von der Decke herab hängenden, langen Metallfedern, Blechen, einem Tisch voller Ziegel und Gesteinssplit. Dieses diverse, mitunter archaische Instrumentarium wird FM Einheit in einer körperlichen Live-Performance mit seinen Händen, mit Hämmern, Bohrmaschinen und weiteren Gerätschaften perkussiv bearbeiten. Er entlockt den industriellen Materialien flächenartige Sounds, rhythmische Beats bis hin zu sphärischen Klängen, die mit der elektronischen Komposition der interstellaren, utopischen Bilderwelt auf der Leinwand eine Schicht hinzufügen, in der es immer wieder knirscht, kratzt und wummert. 

Fr 11 September 2026UT Connewitz
20:00 UhrVVK: € 15,50 (AK: € 20)