18.09.22 | SUPER NATURAL (PT 2022, Jorge Jácome)

PT 2022, R: Jorge Jácome, D: Alexis Fernandez, Bárbara Matos, Celestine Ngantonga Ndzana, 85′, OmeU, DCP

„I am so glad you made it.“ Mit dieser freundlichen Einladung und sanften Klängen aus einem Kosmos elektronischen Grillenzirpens begrüßt uns eine künstliche Stimme im Film. „Our images are moving.“ Wen meint es mit „wir“ und wohin bewegen wir uns? Wir können nicht nachfragen und nicht antworten, sondern nur die sich wechselnden Farb- und Soundflächen auf uns einwirken lassen. Cyber-Meditation. Wir sind hier und das ist gut so. Das Kino wird zur kollektiven Oase. Dann sehen wir schwarzweiß-Aufnahmen einer Überwachungskamera, Stadtbilder bei Nacht. Und da sind Menschen, schlafend, wir dürfen zusehen, die Stimme begleitet uns stets. SUPER NATURAL ist ein experimenteller Film, der sich zwischen Fiktion und dokumentarischen Elementen, sowie unterschiedlichen Filmmaterial und Bildbearbeitungen hin und her bewegt. Und mit uns abtaucht. Wir landen unter Wasser und floaten auf der Oberfläche, liegen mit technischen Tieren im Bett, beobachten feine Unterwasserläufer mit langen Fühlern, lassen uns auf Gummitieren treiben, lauschen Naturorchestern und lösen zusammen mit der Stimme Bilderrätsel. Alles interagiert, die vielen Körper lassen sich von den Landschaften Madeiras bald nicht mehr trennen. Flüssiges Leben, durchlässige Grenzen. Neue Stimmen kommen hinzu, singende Meerjungfrauen und Beschreibungen von Bergsteiger:innen in Katzen-Onesies. „Where do I end and you begin?“ fragt die künstliche Stimme und wir können nicht mit Sicherheit sagen, wohin uns die bewegenden Bilder- und Gedankenwelten von SUPER NATURAL begleiten. Vielleicht bis in den eigenen Träume.

So 18 SeptUT Connewitz
19:00 Uhrregulär: 6,5€ / reduziert 5,5€

18.09.22 | BEATRIX (AT 2021, Milena Czernovsky, Lilith Kraxner)

AT 2021, R: Milena Czernovsky, Lilith Kraxner, D: Eva Sommer, Katharina Farnleitner, Marthe de Crouy-Chanel, 95′, OmeU, 35mm

Beatrix hütet das Haus einer Freundin auf dem Lande. Blumen gießen. Katze füttern. Das Detoxen von dem Entscheidungsdruck der Großstadt wird nur gelegentlich gestört durch den Besuch von Freund:innen. Oder zumindest so etwas Ähnlichem. Ihre selbstgewählte Isolation verbringt sie am Handy oder nachts vor dem Kühlschrank. Putzen, Saugen, Masturbieren. Der Teletext verkündet irgendwas mit Migrant:innen. Und Trump hat seine Dänemark-Reise abgesagt. Kurz nach neun kommt Dawson’s Creek. Irgendwann dann der (Hair-)Cut! Aber eigentlich läuft auch mit der neuen Mitbewohnerin alles in den ritualisierten Bahnen von Distanz und Müßiggang.

Bis, naja, dann doch mal der innere Schutzpanzer ein Stück weit heruntergefahren wird und sofort das aufkeimende, vorher nur im Rausch gelebte, homoerotische Begehren eine existentialistische Aufrichtigkeit einfordert. Was zum Sprung zwingt aus dem beinah quadratischen Bild. Mitten hinein in die Nacht. Dann der Schnitt. Ende. Ein wunderbar originelles, intimes Porträt einer Frau am Rande der eigenen Einöde. Ein Körper, der die autogene Langeweile mit jeder Faser und Geste performt. Zerschnitten von der Montage. Fragmentiert durch die Kadrage. Menschliches Fristen am Nullpunkt der Millennials.

So 18 SeptUT Connewitz
21:00 Uhrregulär: 6,5€ / reduziert 5,5€

18.09.22 | ハウルの動く城 / DAS WANDELNDE SCHLOSS (JP 2004, Hayao Miyazaki)

JP 2004, D: Hayao Miyazaki, 119′, German version, DCP, approved for ages 6 and older

In DAS WANDELNDE SCHLOSS we see everything that makes Studio Ghibli’s animated films so adorable: a love story against all odds, a venerable Europe with giant gadgetry, amiable monsters and tragic heroes, sweeping fighting and food feast. DAS WANDELNDE SCHLOSS tells of the love between Sophie and Hauro. She is a hatter, turned into an old mummy by an evil witch, he is the beautiful wizard, travelling through no-man’s-land with his moving castle. There, Sophie signs up for housekeeping and now has enough time to approach her heartthrob, who yet has to find out that she is actually as young as he is. And then, there is a war to stop…

Sun 18 SeptUT Connewitz
14:00 UhrKINDERkino
2€

https://www.youtube.com/watch?v=1WrkOC9zsqU

17.09.22 | JERK (FR 2021, Gisèle Vienne) / STAGING DEATH (AT/D 2022, Jan Soldat) / ASMODEUS (CA 2021, Éric Falardeau)

Ursprünglich als Roman von Dennis Cooper veröffentlicht, bezieht sich JERK auf die authentische Geschichte des Sexualstraftäters und Massenmörders Dean Corll, der Anfang der 1970er Jahre über 20 junge Männer missbraucht, gefoltert und ermordet hat. David Brooks, einer seiner Mittäter, setzte dem Grauen ein Ende und tötete Corll.

In der fiktionalen Weiterführung dieser Story arbeitet der sich in lebenslanger Haft befindende David Brooks das Geschehen als therapeutische Maßnahme auf. Der Killer wird selbst zum Erzähler und rekonstruiert die Verbrechen in Form eines Figurentheaters. Setting und Filmsprache sind dabei zurückgenommen: allein Brooks, der ein paar Handpuppen führt und ihnen – Täter wie Opfer gleichermaßen verkörpernd – eine Stimme verleiht. Neben den Horror der gewaltgesättigten Verbrechen tritt ein Sadismus des Erzählens. Innerhalb der durch das Theatersetting und die Verwendung von Puppen mehrfach ästhetisch gebrochenen Situation gehen Brooks‘ Imagination und die Darstellung seiner Körperlichkeit in einem für ihn lustvollen und extrem distanzlosen Nachempfinden der Morde völlig auf.

Sa 17 SeptSchaubühne Lindenfels
21:30 UhrIn Anwesenheit von Jan Soldat

Mit Publikumsgespräch nach JERK, welches das Thema sexualisierte Gewalt und ihre filmische Bearbeitung aufgreift.


regulär: 6,5€ / reduziert 5,5€

JERK

FR 2021, R: Gisèle Vienne, D: Jonathan Capdevielle, 60′, OmeU, DCP


STAGING DEATH | Deutschland-Premiere

AT/D 2022, R: Jan Soldat, 8′, OmeU, DCP

Im Verlauf seiner Mitte der 1960er Jahre begonnenen Karriere als Schauspieler hat sich Udo Kier die vermutlich längsten Einträge in den üblichen Filmdatenbanken erarbeitet. Neben regelmäßigen Engagements unter anderem durch Filmkünstler wie Lars von Trier wird er immer wieder für abseitige Trash- und Lowbudget-Produktionen gecastet. Hier wie dort werden die von ihm gespielten Figuren sehr oft ins Jenseits geschickt. Jan Soldat bringt in STAGING DEATH eine Auswahl der über 70 Tode zusammen, die Kier vor der Kamera gestorben ist. In der Montage kommen mitunter ikonische Episoden zusammen, etwa das Pfählen Draculas, ein von einem T-Rex zerquetschter Mond-Nazi und das materielle Entschwinden Jasons, dessen Körper im wogenden Schilf kaum noch auszumachen ist. Zugleich bietet das Nebeneinander der Szenen aus über 50 Jahren einen unterhaltsamen Einblick in die Entwicklung von Spezialeffekten. Eines steht jedenfalls fest: auch dem spielerischen Sterben – vom friedlichen Entschlummern bis zum Niedergemetzeltwerden – verleiht Kier seine unverkennbare Eigenheit. 


ASMODEUS | Deutschland-Premiere

CA 2021, R: Éric Falardeau, D: Éric Falardeau, Stéphanie Cadieux, Annaëlle Winand, 11′, ohne Dialog, DCP

ASMODEUS stellt in Form eines okkulten Rituals die Beschwörung und Erweckung dreier weiblicher Inkarnationen des gleichnamigen Wollust- und Zornesdämons dar. Regisseur Éric Falardeau, der auch die männliche Hauptrolle übernimmt, orientiert sich dabei am Leitgedanken der affektiven Grenzüberschreitungen von Gore und Splatter: Nieder mit dem guten Geschmack! In der Zeremonie fließen Blut und andere Körpersäfte, der Rausch verleiht dem Menschen (Mann) die Kraft sich in ein höheres Selbst zu verwandeln, Knebel und Fesseln der Moral abzuschütteln.

17.09.22 | BRUNO SUKROW – DER FILMEBASTLER

Bruno Sukrow, der sich zeitlebens selbst als „Filmebastler“ bezeichnete, wurde 1927 in Berlin geboren und starb Anfang diesen Jahres mit 94 Jahren. Ursprünglich Maschinenschlosser, sattelte er mit 82 Jahren zum Filmamateur um – am heimischen Rechner schuf er fortan ein bemerkenswertes Werk von zumeist kurzen und mittellangen, auch einigen abendfüllenden Filmen. In ihnen schuf sich Sukrow eine neue, ganz von privaten Vorlieben durchdrungene Welt, die in ihrer verschrobenen Second-Life-Ästhetik von Held:innen, Monstren, Plottwists und ins Leere laufenden Gags bevölkert ist. Dass vom Computer generierte Bilder zu allererst das ästhetische wie erzählerische Potential besitzen, von der Wirklichkeit spielerisch abzurücken, statt ihr möglichst mimetisch nachzueifern, war ihm klar. Die diesem Ansatz folgenden Filme entstanden ursprünglich für einen rein familiären Rahmen – niemand hätte sich träumen lassen, dass es sein privates Auteur-Computerkino zum Internationalen Filmfestival Rotterdam schaffen würde.

Neben den besonderen Bildwelten besaß Sukrow auch einen ganz eigenen Zugang zu Stimmen und Identitäten in seinen Filmen: Die Dialoge sind von ihm und Freund:innen „wie nebenbei“ eingesprochen, Geschlechter und Lebensalter verzahnen sich unentwirrbar, betonungstechnisch hakt es. Diese Voice-Over sind dabei wie das, was wir zu sehen bekommen: plakativ, unförmig, das Gegenteil von authentisch. Auch hierin war Sukrow ein Fantast.

SATURNUS ist der Planet, der ewiges Leben verspricht. Astronauten machen sich in einem Spaceshuttle, das auffällig an den Millennium Falcon aus Star Wars erinnert, auf, die letzten Überlebende einer früheren Expedition zu retten. Zu Ambient-Musik und Pianoklängen stolpern sie über den Planeten, den Sukrow mit allerlei Fantasiewesen angefüllt hat. Wirklich gefährlich ist hier eigentlich nichts – das Spannende besteht vielmehr darin, welch abstruse Dialogschnipsel und Szenerien uns der Autor als nächstes präsentieren wird. Der entschleunigte Mystery-Thriller MARTINS FEUER ist wiederum in einem britischen Städtchen angesiedelt – zumindest markieren das idyllische Wiesen- und Seenlandschaften, Pubs und rote Telefonzellen. Ein Psychiater, der Totenköpfe in seiner gespenstisch aufgeräumten Praxis stehen hat, soll Martin von seinen Wahnbildern befreien. Kurz darauf wird er erschossen, Martin war dummerweise sein letzter Patient und somit Hauptverdächtiger. Die Polizei beginnt nun hinter die Fassade der Einfamilienhäuser zu leuchten. Und dann gibt es da noch eine Hexe, die gleich mehrere Figuren in ihren Bann zieht. VERGISSMEINNICHT schließt die Klammer des Triples: Kleinstadt plus Aliens. Tulpen-Toni erscheint im Schlaf ein von Außerirdischen entführter Typ, den er ohne großen Widerstand aus einem UFO befreit – die Animationen sind hier filigraner, die Soundkulisse organischer. Man merkt, dass Bruno Sukrow schon seit einigen Jahren bastelt.

Sa 17 SeptSchaubühne Lindenfels
19:00 UhrMit einer Einführung von Alexander Klotz

regulär: 6,5€ / reduziert 5,5€

SATURNUS

DE 2011, R: Bruno Sukrow, 30′, OmeU, DCP


MARTINS FEUER

DE 2013, R: Bruno Sukrow, 44′, OmeU, DCP


VERGISSMEINNICHT

DE 2021, R: Robert Sukrow, 18′, OmeU, DCP