DE 2001, R: Helga Reidemeister, Dok, 104′, OmeU, 35mm
Innenansichten eines ansonsten verschlossenen Ortes. „Gotteszell“ in Baden-Württemberg
ist der Mikrokosmos, an dessen Beispiel Helga Reidemeister eine Untersuchung der Institution „Frauengefängnis“ vornimmt, dabei Fragen nach Schuld, Strafe sowie Sühne nachgeht und nicht zuletzt vor allem die Strafgefangenen selbst zu Wort kommen lässt.
Der Film gelangt von der Darstellung der Haftbedingungen zur Auseinandersetzung mit dem deutschen Rechtssystem und dem justiziellen Umgang mit Frauen, die zu Täterinnen geworden sind. Sechs von ihnen erzählen von ihrem Leben vor der Inhaftierung und von Problemen wie der Trennung von ihren Kindern. Neben denen, gegen die relativ kurze Haftstrafen verhängt wurden – meist wegen Drogendelikten – äußern sich auch jene Gefangenen, die wegen Mordes und Totschlags zum Teil lebenslänglich einsitzen. Viele von ihnen haben sexuellen Missbrauch, körperliche Gewalt und Demütigungen erlitten, bevor sie selbst gewalttätig wurden. Marion etwa erschlug ihren sexuell übergriffigen Arbeitgeber. Die Hilflosigkeit angesichts der Komplexität der Schuldfrage liegt im Verlaufe des Films auf beiden Seiten der Gitter offen zu Tage. Eine der Vollzugsbeamtinnen: „Den einzigen Vorwurf, den man ihnen machen kann, ist vielleicht, dass sie zu lange geduldig waren, ertragen haben.“
| Mi 14 Sept | UT Connewitz |
| 19:00 Uhr | Mit einer Einführung von Bert Rebhandl regulär: 6,5€ / reduziert 5,5€ Doppelticket mit DER SCHWARZE KASTEN € 11 / 9 erm. |



t. 
DE/FR 2005, R: Johann Feindt & Tamara Trampe, Dok, 92′, OV mit dt. Voice-Over, Digi Beta
Wie kommen Soldaten aus dem Krieg zurück? Das ist die eine Frage, die den Dokumentarfilm WEISSE RABEN, der Anfang der 2000er entstand, begleitet. Wir lernen junge Männer kennen, die die Regisseur:innen Tamara Trampe und Johann Feindt als Täter wie Opfer des Krieges in Tschetschenien zeigen: gebrochene Rückkehrer, aber auch betroffene Eltern, die ihre vermissten Söhne suchen und überarbeitete Angestellte im Moskauer Büro des Komitees der Soldatenmütter Russlands. Trampe synchronisiert die Stimmen der Protagonist:innen. Sie gibt ihnen ihre eigene Stimme und rückt damit nahe an sie heran – so wie sie es auch in ihren Gesprächen tut. In WEISSE RABEN zeigt sich die Stärke der Regisseurin, an die Gebeutelten herantreten und ihrer Verstummtheit begegnen zu können. So wie sie sich auch Zutritt zu versperrten Orten verschafft und im Gefängnis mit Kiril spricht, der nach seinem Kriegstrauma ein Sexualverbrechen beging und verurteilt wurde. Dabei tritt sie selbst als Fragestellerin ins Bild, ist zugänglich, aber auch beharrlich.
Parallel dazu thematisiert WEISSE RABEN auch die schwierige Spurensuche nach Bildern aus dem Tschetschenienkrieg, denn in Tschetschenien selbst konnte nicht gedreht werden. Trampe und Feindt sind mit ausgedruckten Standbildern aus einem russischen Videofilm, der die Verhaftung einer tschetschenischen Einheit durch russische Soldaten zeigt, unterwegs. Sie suchen nach den beiden Frauen, die dort am Boden knien, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, ihr Blick direkt in die Kamera gerichtet.
| Di 13 Sept | Luru Kino in der Spinnerei |
| 21:00 Uhr | regulär: 6,5€ / reduziert 5,5€ Doppelticket mit MIT PYRAMIDEN : 11€ / 9€ reduziert |
D 1990, R: Renate Sami, Dok, 93′, OmdU, 16mm
Renate Samis MIT PYRAMIDEN ist ein schwer einzuordnender Dokumentarfilm, am ehesten ist er wohl ein Travelogue. Das Bild eines fernen Landes wird hier aus unterschiedlichen Stimmen, Klängen, Gesichtern und Interieurs zusammengesetzt, es bleiben dabei Ecken und Kanten zurück, nichts ist harmonisch abgerundet. Wir sehen vom Auto aus ägyptische Wüsten- und Stadtlandschaften, die wir in 8mm- und 16mm-Aufnahmen gemeinsam mit Sami erkunden, während uns die Tonspur verschiedene Texte präsentiert. Diese handeln etwa von sagenumwobenen Stadtgründungen, geben aber auch Einblick in Geschichten ägyptischer Frauen, die von ihren leidvollen Eheerfahrungen, allgemein vom Frausein in einer patriarchalen Gesellschaft berichten.
Die Erfahrung, die man dabei als Zuschauer:in macht, fasst Samis Kollegin und Freundin Ute Aurand so poetisch, wie der Film selbst ist, zusammen: „Dinge stoßen aneinander, die ich nicht vermute. Sie erzeugen einen neuen Raum, außerhalb des Films. Das Vergnügen an diesen unvorhersehbaren Verwunderungen zwischen den Bildern gibt dem Film eine ihm ganz eigene Energie. (…) Nichts wird erklärt. Ich sage dazu Freiheit – und das ist der Zustand, in den mich dieser Film versetzt.“
| Di 13 Sept | Luru Kino in der Spinnerei |
| 19:00 Uhr | regulär: 6,5€ / reduziert 5,5€ Doppelticket mit WEISSE RABEN: 11€ / 9€ reduziert |
ES/CO 2021, R: Helena Girón, Samuel M. Delgado, D: Nuria Lestegás, Sara Ferro, Xoán Reices, Valentín Estévez, 75′, OmeU, DCP
Sie tragen den Tod. Und versuchen ihm doch zu entkommen. Eine Gruppe von Verurteilten entwischt auf den Kanaren der Flotte Christoph Kolumbus‘ und flieht mit einem riesigen Segel über die vulkanische Einöde. In Galicien indes wird eine junge Frau, die sterben wollte, von ihrer älteren Schwester gefunden und auf dem Rücken eines Esels zu einer Heilerin gebracht. Die Figuren sind Teilchen eines größeren Kosmos, in welchem die Sonne martert, der Wind ätzt, der Wald fiebert, die Erde blutiges Gestein spuckt, die See nach den ihr versprochenen Körpern sucht und die Schiffe den Tod weitertragen – hinein in die „Neue Welt“.
Wie erzählt sich Geschichte? Wer trägt Bedeutung? Wer ist der Sklave Caliban und wer die Hexe Sycorax? Das Regie-Duo Helena Girón und Samuel M. Delgado entwirft in seinem ersten gemeinsamen Langfilmprojekt eine kraftvoll-kontemplative Reflexion über die Fragilität von Historie und die Rolle von Geschlecht in dieser und wagt dabei in eruptiver Eleganz sowohl das Sakrileg der Intervention als auch der schweigenden Leere.
| Mo 12 Sept | Schaubühne Lindenfels |
| 19 Uhr | regulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€ |
IT/AR/FR 2021, R: Alessio Rigo de Righi & Matteo Zoppis, D: Gabriele Silli, Maria Alexandra Lungu, Severino Sperandio, 106′, OmeU, DCP
Italien, heute. Eine Handvoll älterer Jäger mit zerklüfteten Gesichtern trifft sich in geselliger Runde zum Essen und erzählt sich gegenseitig Geschichten von Luciano, einer Figur der lokalen Folklore. Aus diesem dokumentarischen Setting hebt THE TALE OF KING CRAB ab in das Leben von Luciano – oder vielleicht besser: in eine Version davon. Luciano sagt man, war ein Mann des späten 18. oder frühen 19. Jahrhunderts mit einer Vorliebe für Alkohol und eine Frau aus dem Dorf. Dazu kommt ein Streit um das Durchgangsrecht durch ein antikes Tor mit dem regionalen Fürsten. Angetrieben durch Leidenschaft und Eifersucht begeht er ein Verbrechen und wird als Krimineller verbannt nach Feuerland, ans Ende der Welt. Dort versucht er als Priester – mit anderen, eher unangenehmen Goldsuchenden und einem Krebs – einen mythischen Goldschatz zu finden.
Verwurzelt in oralen Traditionen und zeitgenössischem Kino, schaffen die beiden Regisseure einen Film, der seine Landschaften und das Weitergeben von Geschichten zelebriert. Die Kombination aus neorealistischem Charme und einem ästhetischen Rückgriff in ein vorindustrielles Zeitalter lassen an Alice Rohrwachers Filme denken, setzen dem aber noch einen verschrobenen Western obenauf. Die umwerfende Kameraarbeit fängt das Licht auf den körnigen 16mm-Aufnahmen ein und ist spielerisch dem Fiebertraum auf der Spur, der Kino immer gewesen ist.
| Mo 12 Sept | Schaubühne Lindenfels |
| 21 Uhr | regulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€ |
























