GEGENkino präsentiert | Anna Biller’s “The Love Witch” & “Viva” 35mm

Liebe GEGENkino / LURU-Freundinnen und Freunde!
Wir haben euch ein schönes Festival-Vorab-Event gebastelt: Die zwei bisherigen Langfilme der amerikanischen Experimental-Genrefilmerin Anna Biller touren gerade mit 35mm-Kopien (OV) durch ambitionierte deutsche Spielstätten und machen nun kurz vor Schluss noch bei uns in Leipzig Halt. Eine sozusagen einmalige Chance, diese feministischen, ironischen Beiträge zur Ästhetik des Horror- und Melodram-Genres im intendierten analogen Kinoformat zu sehen!

01 NOV 2018
Luru-Kino
GEGENkino präsentiert
19 UhrVIVA
USA 2007. R: Anna Biller, D: Anna Biller. Jared Sanford, Bridget Brno. 120 Min. 35mm. OV
21 UhrThe Love Witch
USA 2016. R: Anna Biller, D: Samantha Robinson, Gian Keys, Laura Waddell. 120 Min. 35mm. OV

The Love Witch

USA 2016. R: Anna Biller, D: Samantha Robinson, Gian Keys, Laura Waddell. 120 Min. 35mm. OV

Elaine hat kein Glück mit den Männern, aber behilft sich mit magischen Ritualen. Doch falsch dosierte Zaubertränke führen zu allerlei Verwicklungen. Eine Liebeshexe, die auf der Suche nach dem Mann fürs Leben eine Spur der Verwüstung hinterlässt. Billers farbenprächtige Horrorkomödie mit Ennio-Morricone-Musik ist eine moderne Genre-Neuinterpretation aus weiblicher Sicht und schwelgt entgegen allen Trends in liebevoll-handgemachtem Produktionsdesign und analogem 35mm-Filmmaterial (via: Deutsches Filminstitut)


Viva

USA 2007. R: Anna Biller, D: Anna Biller. Jared Sanford, Bridget Brno. 120 Min. 35mm. OV

Barbi führt in den wilden Siebzigern ein wenig befriedigendes Hausfrauenleben. Als nebenan ein sexuell freizügiges Paar einzieht, freundet sie sich zum Unmut ihres Mannes mit den beiden an und entdeckt sich neu. In ihrem ersten Langfilm schlüpft Anna Biller selbst in die Hauptrolle. Eine detailverliebte Hommage an die erotischen Kino- und Magazin-Welten der 1970er, kombiniert mit einem heutigen Blick auf die sexuelle Revolution. (via: Deutsches Filminstitut)

Sexy Durga (IN 2017) / The Nothing Factory (PT 2017)

Oh, the end is drawing near! Today is the last day of this year’s GEGENkino festival and we hope you had some inspiring, insightful and/or intense moments. Thank you all!We’ll close off the festival with two feature films and one short film as part of our programme section “HOW TO RESIST…”: At 6pm at Schaubühne Lindenfels, we’ll screen Sanal Kumar Sasidharan hitchhike/road trip/odyssey film SEXY DURGA, in which “Sasidharan reflects Indian independent cinema’s emerging feminist moment” as some commentators have it. There’ll be an opening film to SEXY DURGA that is JODILERKS DELA CRUZ / EMPLOYEE OF THE MONTH by Carlo Francisco Manatad, one of the most interesting young directors from the Philippines, whose film scene seems to really flourish right now. At 8pm then, finishing off our festival, there’ll be a screening of the Portuguese proletarian strike film THE NOTHING FACTORY by Pedro Pinho – another film that, in portraying a group of factory workers’ struggle for the protection of their job and existence, blends fiction film and documentary in very unique way. (Shot on one of our favourite materials: 16mm!) We hope to see you all again today!

So 15. April 2018
Schaubühne Lindenfels
HOW TO RESIST…
18 UhrSEXY DURGA (IN 2017 R: Sanal Kumar Sasidharan 85’ OV englischen Untertitelt)
+ Vorfilm: JODILERKS DELA CRUZ / EMPLOYEE OF THE MONTH (PHL/SGP 2017 R: Carlo Francisco Manatad 13’1
20 UhrTHE NOTHING FACTORY (PT 2017, R: Pedro Pinho 177’ OV englisch Untertitelt)

SEXY DURGA

IN 2017, R: Sanal Kumar Sasidharan, D: Rajshree Deshpandey, Kannan Nair, Vishnu Vedh, OmeU, 85’, DCP

Zu Beginn weiße Schrift auf schwarzem Grund: eine Episode aus dem Epos Ramayana erzählt die Verstümmelung der Shurpanakha durch Ramas Halbbruder Lakshmana. Das Schwarz blendet ab und entlässt ins Fest Garudan Thookam im südindischen Kerala, in dem der Blutdurst Kalis, einer Verkörperung der Gottheit Durga, rituell gestillt werden soll. Körper fallen in Ekstase, Haken fahren in menschliche Haut, Maskulinität wird performt, Handys filmen. Dann Wechsel: eine Straße bei Nacht. Das junge Paar Durga und Kabeer will weg. Sie Hinduistin aus dem Norden, er Muslim aus dem Süden. Ein Kleinbus hält, sie steigen ein. SEXY DURGA macht erfahrbar, aus welcher Haltung und Atmosphäre heraus sexuelle Gewalt im öffentlichen Raum entstehen kann. Die Attributierung im Filmtitel ist zudem ein Affront für religiöse Hardliner. Durga, die keinem männlichen Gott zugeordnet ist, wird im Hinduismus tief verehrt. Die erotisierte Assoziation ist provokant und eine Figur dieses Namens, die auf beklemmende Weise die Mechanismen patriarchaler Unterdrückung offenlegt, war bis vor kurzem noch Anlass eines Verbots des Films. Sanal Kumar Sasidharan dekonstruiert Mythen und soziale Dynamiken und arbeitet dabei gekonnt mit Erwartungshaltungen und Ängsten. Die Kamera ist durchweg entfesselt und frei, seine zwei ProtagonistInnen versuchen es ihr gleich zu tun.


Vorfilm

JODILERKS DE LA CRUZ (EMPLOYEE OF THE MONTH)

PHL/SGP 2017, R: Carlo Francisco Manatad, D: Angeli Bayani, Ross Pesigan, OmeU, 13’ DCP

JODILERKS DELA CRUZ schildert einen Abend an einer Tankstelle. Der letzte einer Angestellten, die früher einmal motiviert war. Jetzt ist da nur noch der unendlich lärmende Verkehr, aus dem kaum jemand mehr anhält. Mit ihren willkürlichen Handlungen spiegelt die Protagonistin die Gesellschaft um sie herum wider. Ein amüsanter, boshafter Seitenhieb von einem Film.


THE NOTHING FACTORY

PT 2017, R: Pedro Pinho, D: José Smith Vargas, Carlo Galvão, Njamy Sebastião, 177’, OmeU, DCP

Während eines nächtlichen Einbruchs werden Maschinenteile aus einer Fahrstuhlfabrik entwendet. Sofort folgt die Bewusstwerdung der ArbeiterInnen, dass die Verwaltung die Sabotage plante, um mit jämmerlichen Abfindungszahlungen elegant im Finanzkrisensumpf zu verschwinden. Da ein Streik, zumal keine Arbeit vorhanden ist, wirkungsfrei bliebe, kehren die ArbeiterInnen ihren Protest in eine Besetzung um, in den Kampf um das Recht auf Arbeit. An dieser Stelle beginnt die Tätigkeit der NOTHING FACTORY. Stilllebengleich inszeniert Pinho auf körnigem 16mm-Material die öden Räume, in denen ausgeharrt, Fußball und Schach gespielt sowie über Empowerment und Garantien innerhalb kapitalistischer Arbeitsverhältnisse diskutiert wird. Nach und nach dünnt die Gruppe aus, einige gehen auf die in unangenehmen Einzelgesprächen vermittelten Abfindungsangebote ein, schließlich artet die Langeweile des harten Kerns in eine kuriose Musical-Performance aus. Das Sujet des Films erinnert aufgrund seiner Reflektion der sozialpolitischen Realität Portugals unweigerlich an klassische Streikfilme der 1970er wie Petris DIE ARBEITERKLASSE GEHT INS PARADIES oder Fassbinders ACHT STUNDEN SIND KEIN TAG, doch verliert Pinho bis zum Ende seinen Humor nicht. Bemerkenswert macht den Film sein selbstreferentieller, sogar dokumentarischer Kontext: fast der gesamte Cast arbeitet tatsächlich in Fabriken, ein skurriler Filmemacher verfolgt das Geschehen, schließlich erinnert der Fall an eine reale kollektiv verwaltete Fahrstuhlfabrik.

Heute | The Streets Are Not Enough – How To Resist On Screen

Thank you all very much for the unique evening yesterday! Thanks to Raster, IfZ, Pedro Maia, Robert Lippok, Grischa Lichtenberger, Mieko Suzuki, everyone we forgot and to all of you!
Now it’s only two more days of GEGENkino for this year—both of which will be under the question that we concerned ourselves quite a lot with is curating this year’s program: how to resist (on screen)? What is politically involved filmmaking, film activism, what are cinematic forms of resistance …? Today and tomorrow at Schaubühne Lindenfels we want to introduce new and interesting positions in regard to those questions to you.

Starting off today at 6pm with a panel discussion that we put under the headline “The Streets Are Not Enough – How To Resist On Screen“. Artists/activists Angelika Nguyen, Julia Lazarus and Filipa César will be on stage joined by Claus Löser who’ll do the moderation. Read more about the panel and the people on the panel below or in our programme booklet: http://2018.gegenkino.de
Afterwards, we’ll have a double screening of tho filmmakers, whose work and whose form of political film/video art we found very salient.
At 8pm, Filipa César will present her most recent feature-length film SPELL REEL—a cinematic essay about the importance of film archives in retracing the history of colonialism (in this particular case , the history of the liberation war in Guinea-Bissau). There’ll be a Q&A with Filip César after the screening.
At 10pm, we’ll show a selection of works by Turkish video artisst belit sağ. Her questioning of the image and the tracing-down of the ideology that flows in every picture puts her work in kinship with those of Hito Steyerl and Harun Farocki for example.

Sa 14. April 2018
Schaubühne Lindenfels
HOW TO RESIST…
18 UhrThe Streets Are Not Enough – How To Resist On Screen
TALK w/ Angelika Nguyen, Julia Lazarus, Filipa César & Dr. Claus Löser
20 UhrSPELL REEL (D/PT/F/GNB 2017)
D: Filipa César 96’ OV w/ English subtitles
22 Uhrbelit sağ – Störfeuer im Bedeutungsraum
SHORT FILM REEL (NL/TR 2014-2017) Σ 60’
OV w/ English subtitles

Podium mit Filipa César, Julia Lazarus, Angelika Nguyen & Claus Löser

THE STREETS ARE NOT ENOUGH! HOW TO RESIST ON SCREEN

Um darüber sprechen zu können, an welchen Orten und auf welche Weisen wir mit filmkünstlerischen Positionen Hierarchien aufbrechen und Ungerechtigkeiten entgegentreten, muss der diesjährige Podiumstitel The Streets Are Not Enough! How To Resist On Screen zusätzlich umgekehrt werden. Denn einzig Straßen und Räume sind für die Artikulation von Protest nicht genug. Ebenso wenig funktionieren audiovisuelle Werke widerständigen Denkens losgelöst von bestimmten Orten der Rezeption oder deren gezielten Einbettung in öffentliche Diskurse. Es sollte also gleichermaßen gelten: Just Films Are Not Enough! Nicht zuletzt sind Filme selbst ebenfalls Orte der Imagination, Erfahrung und Auseinandersetzung, deren Herstellungsbedingungen, formale Ästhetiken und Intentionen maßgeblich mit Räumen und Strukturen zusammenhängen, die FilmemacherInnen beim Arbeiten vorfinden, die sie einfordern und im besten Fall auch mitgestalten. In filmischen Narrativen werden zentrale Themen gesellschaftlichen Zusammenlebens wie Rassismus, Identität, Ausgrenzung und Teilhabe konstruiert, verhandelt und in Beziehung gesetzt. Ist dabei die Zielsetzung nicht stets einen unausgesprochenen Scheinkonsens fortzubeten oder fundamentale Ungerechtigkeiten auszuklammern oder schönzureden, müssen die genannten Aspekte divers gedacht, unangenehm perspektiviert und widerständig in Szene gesetzt werden. Wir als Filmfestival stellen uns die Frage, wie eine Gesellschaft, ein Festival, Kollektiv oder Ausstellungsraum dazu beitragen kann, involvierende Kunst angemessen zu präsentieren und zu fördern? Welche Machtstrukturen begünstigen Verbote und Verfolgung? Welches Spannungsverhältnis besteht zwischen etablierten Produktions- und Distributionswegen und davon unabhängigen Formen? Was kann wo, wie erzählt, gezeigt, angegriffen werden? Wann wird ein Bild zum Gegenbild? Wie sehen Gegenbilder aus und: Gibt es so etwas überhaupt? Darüber unterhalten sich auf unserem Podium in der Schaubühne Lindenfels Angelika Nguyen (Filmwissenschaftlerin und Kritikerin), Julia Lazarus (Filmemacherin und Kuratorin) und Filipa César (Künstlerin und Filmemacherin) in einem ca. 90-minütigen Gespräch, moderiert von Claus Löser (Autor und Kurator). Gespräch in deutsch.

Angelika Nguyen, Jahrgang 1961, studierte an der HFF in Potsdam- Babelsberg Filmwissenschaft, arbeitet als Filmjournalistin, Referentin und Aktivistin. Thematische Schwerpunkte: filmische Darstellung von Minderheiten, Ausgrenzung und Rassismus; Darstellung „wahrer Begebenheiten“ in filmischen Erzählungen; Film als politische Reflektion seiner Zeit; Widerstand gegen Mehrheitsgesellschaft im Film; Erzählstrategien in Dokumentar- und Spielfilm.

Julia Lazarus ist Künstlerin, Kuratorin und Filmemacherin und lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte an der Universität der Künste Berlin und am California Institute of the Arts in Los Angeles, USA. Ihre Filme sind im Vertrieb bei Sixpackfilm Wien und bei e-flux, Berlin/New York. Ausstellung und Screenings u.a.: Depo Istanbul, District Berlin, IG Bildende Kunst Wien, Galerie Funke Berlin,  Schwules Museum Berlin, Manifesta Murcia, NGBK Berlin.

 www.julialazarus.com

Filipa César, Künstlerin und Filmemacherin, lebt seit 2001 in Berlin. Ihre Filmische Arbeiten stellen performative Räume zur Verfügung, in die sich subjektives Wissen und Gegenerzählungen einschreiben können. 2011 initiierte Filipa César das Recherche-Projekt „Luta ca caba inda“ mit dem sie uunter anderem an „Living Archive“ und „Visionary Archive“ beim Arsenal – Institut für Film und Videokunst beteiligt war. César prämierte ihren ersten feature-length Dokumentarfilm SPELL REEL im Forum der Berlinale 2017. Screenings ihrer Filme u.a. in: Kurzfilmtage Oberhausen, International Film Festival Rotterdam, DocLisboa, Istanbul Biennial, Tate Modern London, São Paulo Biennale, Jeu de Paume Paris, mumok Vienna, MoMA New York, Sonic Acts Amsterdam.


In Anwesenheit von Filipa César.

SPELL REEL

D/PT/F/GNB 2017, DOK, R: Filipa César, OmeU, 96’, DCP

Die Anfangssequenz, Bild im Bild: Auf dem Kopf stehendes, deutlich in Mitleidenschaft gezogenes Filmmaterial eines Waldgebietes. Parallel erscheint ein Schriftzug, der die zu sehenden Menschen als UnabhängigkeitskämpferInnen enthüllt. Die analogen Aufnahmen werden vorübergehend von Digitalbildern ersetzt, diese verdrängen die analogen jedoch nie vollends – durch die phasische Überlagerung der verschiedenen Materialien wird sukzessive ein Nebeneinander arrangiert. Cesar verknüpft auf diese Weise Archivaufnahmen aus der Zeit des Befreiungskrieges in Guinea-Bissau (1963-74), gefilmt von Guerillakämpfern Sana na N’Hada und Flora Gomes, mit Aufzeichnungen jüngerer Geschichte. Changierend zwischen Vergangenheit und Gegenwart inszeniert die Regisseurin Narrative, die sich permanent im Prozess befindend. Initiiert durch das Projekt „Visionary Archives“ des Arsenal Berlin ist SPELL REEL ein Rechercheprojekt, dass durch Reinszenierung von kurz vor dem Verfall stehendem filmischen Material zumindest fragmentarisch einen Teil der Geschichte des guinea-bissauischen Unabhängigkeitskampfes dokumentiert.


belit sağ – Störfeuer im Bedeutungsraum

AND THE IMAGE GAZES BACK(NL/TR 2014, 10’, englische OV, DCP)
MY CAMERA SEEMS TO RECOGNIZE PEOPLE (NL/TR 2015, 3’, OmeU, DCP)
SEPT. – OCT. 2015, CIZRE (NL/TR 2015, 15’, OmeU, DCP)
AYHAN AND ME (TR 2016, 14’, OmeU, DCP)
IF YOU SAY IT FORTY TIMES… (NL 2017, 5’, OmeU DCP)
GRAIN (NL 2016, 5’, OmeU, DCP)
DISRUPTION (AKSAMA) (NL 2016, 5’, OV, DCP)
CUT-OUT (NL/USA 2018, 4’, OmeU, DCP)

Die Arbeiten von belit sağ sezieren die komplexen Zusammenhänge von Bildproduktion und Ideologie, Sehgewohnheit und Normierung. Als Teil des Kollektivs „artıkişler“ und Mitinitiatorin verschiedener Projekte, etwa des unabhängigen, digitalen Archivs „bak.ma“, ist die in Amsterdamlebende Künstlerin stark verwurzelt im sozialkritischen Videoaktivismus aus Ankara und Istanbul. Ihre Bilder und Themen kommunizieren innerhalb der einzelnen essayistischen Werke und zwischen ihnen. Sie schaffen einen konkreten Anspruch an die Zuschauerschaft, sich aktiv zum Gehörten und Gesehenen zu verhalten. belit sağ zeigt, verweigert, zoomt, überlagert, verwischt, fragt und kommentiert. Bilder der Gewalt und die Gewalt der Bilder führen zu Überlegungen über Krieg, staatliche Repression und Widerstand. Die Verwebung ihrer subjektiven Perspektiven mit öffentlich verfügbarem Material schafft die Möglichkeit einer Re-Kontextualisierung, ein Aufbrechen von Hierarchie, Determination, Linearität und Bedeutungskonstruktion. Das eigene und das kollektiv geteilte Bildgedächtnis verhalten sich zueinander, irritieren und befruchten sich. Welche Verantwortung haben wir in Zeiten sozialer Krisen im Umgang mit der täglichen Bilderflut? Was sind die Bedingungen, die wir an unser eigenes Sehen stellen und die Kriterien seiner potentiellen Lenkung? Der Beschuss der kurdischen Stadt Cizre, die Medienstrategie des IS, die Bedeutung von TV-Sendern für Staatsstreiche, die politischen Morde in der Türkei der 1990er, die Opfer des NSU sowie populäre Ikonografien und Zensurbestrebungen sind multiple Facetten einer permanenten Dekonstruktion von Erinnerung, Repräsentation und Geschichte.

Heute | Raster & Pedro Maia

We’re so excited about tonight! In cooperation with experimental electronic music vanguards Raster and Institut fuer Zukunft we compiled this special event and have a bunch of great people coming to GEGENkino today:
Portuguese collage filmmaker Pedro Maia will be there tonight to screen his work WASTELAND—on three 16mm projectors simultaneously! The screening will be accompanied by an exclusive live score by Robert Lippok (To Rococo Rot).
Robert Lippok will kick off the evening with a solo live set that will start at 9:30pm. After that, Pedro Maia will join in and project WASTELAND. The screening is followed by an audio-visual live set of his labelmate Grischa Lichtenberger and a DJ set by Mieko Suzuki that will steer you through the rest of the night. Moreover, there’ll be a little installation with video works from the Raster archives. Prepare to be surprised!

13. April 2018
Institut für Zukunft
LIVE SET
21:00 UhrRobert Lippok (Live-Set)
22:15 UhrRobert Lippok vertont WASTELAND (2015, Pedro Maia, 30’, stumm, 3x16mm)
im Anschluss: Grischa Lichtenberger (live a/v set)
Mieko Suzuki (dj set)

Plus: INSTALLATION von Raster-Videoarbeiten


Raster | Maia | Suzuki | Lichtenberger

Pedro Maia: http://www.pedromaia.net
Robert Lippok: https://soundcloud.com/robert-lippok
Grischa Lichtenberger: https://soundcloud.com/grischenka
Mieko Suzuki: https://www.mixcloud.com/MIEKO
Raster: https://www.youtube.com/user/rasternoton

Seit mehr als 20 Jahren hat sich Raster (ehemals: Raster Noton) zu einem Label aufgebaut, das nicht nur für einen spezifisch ausgeprägten Techno- und Experimentalsound steht, sondern auch für eine kollektive Plattform, die immer wieder Ausgangspunkt für den Kontakt zu visuellen und bildenden Künsten sowie die Zusammenarbeit mit KünstlerInnen aus verschiedenen Disziplinen ist. Auftakt des heutigen Abends bildet die Uraufführung einer Begegnung von digital und analog, bei der Robert Lippok die 16mm-Filmperformance WASTELAND des portugiesischen Künstlers Pedro Maia live und exklusiv fürs GEGENkino vertonen wird.

Der Titel bezieht sich ganz wörtlich auf die Herkunft der gezeigten Filmstreifen: sie sind scheinbar unbrauchbarer Abfall, Fehlbelichtungen, sie sind der Ausschuss eines Entwicklungslabors. In seiner Farblichkeit erinnert WASTELAND aber weniger an einen kargen Landstrich oder eine öde Brache als vielmehr an die Ergebnisse von Stan Brakhages chemischen Experimenten. Dass das Filmmaterial toxischen Prozessen ausgesetzt wurde, heißt also vor allem, dass die Bilder zur reinen Farbfläche werden. Maias drei Projektoren beleben sie, lassen die Risse und Flecken zucken, lassen Äderchen, Kratzer und Verschmutzungen wirbeln.

Nach einem zusätzlichen Live Set von Robert Lippok wird Grischa Lichtenberger seine audiovisuelle Live-Performance präsentieren. Raster Resident Mieko Suzuki beendet dann das Showcase. Während des gesamten Abends sind zudem verschiedene Raster-Videoarbeiten installiert, die stellvertretend für die enge Auseinandersetzung mit Computern und deren audiovisuellen Möglichkeiten stehen – ein konstantes Thema, das das Label und seine Programmatik stetig formt.

Meteorlar (NL/TR 2017, Gürcan Keltek) / I’m not a Witch (GB/F/D 2017 Rungano Nyoni)

Woah, what a show! Thanks a lot to Tomaga, UT Connewitz and everyone involved and of course thanks to all of you for coming around!

Today we’ll continue at Luru Kino with two films that we found particularly important to show and are happy to have in our programme. At 8pm there will be the German premiere of Gürcan Keltek’s METEORLAR – a very up-to-the-minute film as it deals with the situation of Kurdish people in the southeast in Turkey. METEORLAR intermingles documentary, journalistic and fiction filmmaking, uses landscape portrayals, poetry, interviews and acting, and in doing so creates a very unique cinematic language. Don’t miss it!

At 10pm, we’ll have a screening of I AM NOT A WITCH – Rungano Nyoni’s singular, strange Zambian witch-hunt fairy tale. Here’s a quote by Nyoni from an interview for MUBI Notebook: »I wanted to make it a fairy tale because I found a really good Zambian way of saying the story, without making it about Zambia. I grew up on fairy tales. I’ve always wanted to do this, actually. In a way, I was trying to get away­—perhaps as a first-time filmmaker this is a bit of a cliché—I was trying to get away from ›the arc.‹ It’s always ›the arc, arc, arc arc,‹ and I was trying to do something different. I was trying to do something that I grew up with, which is that my family used to tell me fairy tales and they were really particular. Fairy tales in general are very strange, but Zambian ones mix genres. They’re for kids, but they’re really violent, and they’re funny, and they mix magic realism. All of these things I wanted to take for my film. They are really musical. I was trying to do that.«

Make sure to be on time for both films as the seats at Luru Kino are quite limited. / Da die Plätze im Luru Kino recht begrenzt sind, empfiehlt es sich heute besonders pünktlich zu sein.

Thu 12 April 2018
Luru Kino
8 PMHOW TO RESIST…
METEORLAR / METEORS (NL/TR 2017)
D: Gürcan Keltek 98’ OV w/ English subtitles
[German Premiere]
10 PMJUNG & FRISCH
I AM NOT A WITCH (GB/F/D 2017)
D: Rungano Nyoni 98’ OV w/ English subtitles

Deutschlandpremiere

METEORLAR / METEORS

NL/TR 2017, Dok., Regie: Gürcan Keltek, OmeU/OV with English subtitles, 84’, DCP

Schatten, Schemen, Stein und Schnee fließen ineinander über. Eine Gruppe von Steinböcken wird aus der Ferne von Jägern fixiert. Grobkörnige, flackernde Bilder, eine Kreisblende. Wie aus den Anfängen des Kinos. Aus einer Zwischenwelt. Dann das Grauen des Krieges, Kampfjets, Explosionen, Einschusslöcher. In den Straßen: Wut und Widerstand. Schließlich folgt die Kamera ein Stück weit der Schriftstellerin und Schauspielerin Ebru Ojen Şahin, deren Zeilen das elegische Schwarz-Weiß begleiten. Ein heiliger Berg, religiöse Statuen, eine Sonnenfinsternis, Meteorschauer. Ein bemerkenswerter Film, der mit dokumentarisch und fiktionalen Fragmenten arbeitet, der abwechselnd klaustrophobisch und himmlisch bebildert, der aufgeladen ist mit Symbolik und politischer Brisanz. METEORS will das Schweigen brechen, Gegenbilder entwerfen, Zeugenschaft ablegen. In seiner poetisierten Machart verbindet er Naturmystik mit einem Aufschrei gegen staatliche Unterdrückung, die Bergregionen Südostanatoliens mit den urbanen Landschaften belagerter Ortschaften. Wie an etwas erinnern, was nicht stattgefunden haben darf?


I AM NOT A WITCH

GB/F/D 2017, Regie: Rungano Nyoni, DarstellerInnen: Margaret Mulubwa, Henri BJ. Phiri, Nancy Mulilo, 98’, OmeU/ OV with English subtitles, DCP

Dass Shula keine magischen Kräfte hat, sondern ein kaum zehn Jahre altes, auf sich allein gestelltes Kind ist, wird jedem zu Beginn unmittelbar klar. Allerdings ist sie in der Nähe, als eine Frau beim Wasserholen stürzt. Absurd! Aber Grund genug, dass Teile einer sambischen Dorfgemeinde sie der Hexerei bezichtigen. Das Urteil ist schnell gesprochen und die schweigende Shula wird in ein Witch-Camp verfrachtet und als Attraktion für Selfie schießende Westerner ausgestellt. Von den älteren Mithexen erfährt sie allerdings Schutz und Gemeinschaftssinn. Nachdem der Regierungsbeamte Mr. Banda verkündet: „You are my little witch now“, entspannt sich ein grotes-ker Parcours. Rungano Nyoni verhandelt in I AM NOT A WITCH Themen wie Misogynie und Aberglauben, aber auch die An- und Abwesenheit von weiblichem Empowerment sowie die Solidarität zwischen Unterdrückten. Erzählerisch changiert der Film zwischen schwarzhumoriger Satire, Märchen und präzise auf den Punkt gebrachter feministischer und globaler Gesellschaftskritik.

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