AT/SY/LB 2018, R: Sara Fattahi, D: Raja, Heba, Jaschka, Dok, 95’, OmeU, DCP
Labyrinthisch von dem erzählen, was filmisch kaum zu greifen ist: innere „Kriegszustände“, die uns der mit fiktionalen Elementen angereicherte Dokumentarfilm doch erahnen lässt. Mehrere Frauen, die mit und vor allem in ihren Erinnerungen und psychischen Ängsten leben, setzen sich zu einem brüchigen Gesamtbild zusammen. Man sieht sie in langen Einstellungen beim Verrichten alltäglicher Dinge, oft begleitet durch bedrohliche, verfremdend wirkende Töne, die auf ein abgründiges Mehr verweisen. Eine der Frauen verließ Damaskus und versucht nun in liebevollen Bildcollagen, ihren Traumata, der Flucht, dem Verlust des Bruders und der vertrauten Umgebung eine Gestalt zu geben. Die schwedischen Wälder, die sie nun umgeben, ängstigen sie. Hierzu unvermittelt parallel montiert: eine ältere Frau richtet in Damaskus das Zimmer eines für immer Abwesenden her, als könne er jederzeit wiederkehren. Ihr Verlust geht mit räumlicher wie innerlicher Isolation einher; während sie einmal aus dem Fenster ihrer düsteren Wohnung blickt, vernehmen wir Bombendetonationen aus unbestimmter Ferne. In Wien schließlich, folgt die Kamera einer weiteren Frau, deren Identität rätselhaft bleibt.
| Mo 30.08. | Schaubühne Lindenfels |
| 21 Uhr | In Anwesenheit von Sara Fattahi regulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€ im Doppel: 11€ / ermäßigt 9€ |
UK/TH 2019, R: Ben Rivers & Anocha Suwichakornpong, D: Siraphun Wattanajinda, Arak Amornsupasiri, Primrin Puarat, 93’, OmeU, DCP
2562 ist laut buddhistischem Kalender das Entstehungsjahr des Films, 2019. KRABI, 2562, die erste kollaborative Arbeit von Anocha Suwichakornpong und Ben Rivers, erkundet Landschaften, Mythologie und Geschichten der lokalen Community von Krabi, einem touristischen Hauptziel in Südthailand. Wir begegnen einem alt gewordenen Ex-Boxer, der vor seinem Haus die Ruhe genießt, einem Filmvorführer, der als Hausmeister in einem lange geschlossenen Kino arbeitet, einer Filmcrew, die einen skurrilen Werbespot am Meer dreht, dazu Neanderthaler*innen, die durch die Gegenwart streunen, und ein phallischer Fruchtbarkeitsschrein, der bei der Erfüllung eines Kinderwunschs behilflich sein soll.
Nahtlos wechseln die 16mm-Aufnahmen zwischen dokumentarischer und fiktionalisierter Ebene, immer auf der Suche nach Bildern, die ein kulturelles Gedächtnis verkörpern. Was real ist, spielt dabei eine geringe Rolle: am Ende ist alles Kino. Aber: der Gleichschritt der Paraden der staatlichen Militärregierung ist mehrmals hörbar, die Soldat*innen kommen dabei nicht ins Bild, bleiben auf der Tonspur in Hörweite. Ein vielschichtiger Film, der elegant schimmert, dabei stets mühelos bleibt und seine Sozialkritik an keiner Stelle marktschreierisch vermittelt. Eine spielerische, quecksilbrige Séance.
| Di 31.08. | UT Connewitz |
| 19 Uhr | regulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€ |
31.08.2021 | A Metamorfose dos Pássaros – The Metamorphosis of Birds (PT 2020, Catarina Vasconcelos)
PT 2020, R: Catarina Vasconcelos, D: Manuel Rosa, João Móra, Ana Vasconcelos, Henrique Vasconcelos, Dok, 101’, OmeU, DCP
Beatriz Vasconcelos zog Mitte des 20. Jahrhunderts sechs Kinder groß, während ihr Ehemann Henrique die meiste Zeit zur See fuhr. Nach ihrem Tod begann sie innerhalb ihrer Familie weiterzuleben: in Fotos, Erinnerungen, Fantasien. Eine davon war die eines Baumes in der infantilen Vorstellungskraft ihrer Enkelin Catarina. Erwachsen und mit der Erfahrung des Verlusts der eigenen Mutter konfrontiert, erschafft diese Jahre später mit geringem Budget und Darsteller*innen aus der Verwandtschaft eine intime Elegie.
Resultat ist eine dokumentarische Form voller behutsamer Inszenierungen, die über präzise arrangierte Tableaus und Figurenkonstellationen den Raum der persönlichen Familienerzählung erweitert zu einem Kino-Poem über Kindheit, Liebe und Trauer, angereichert mit der Grazie von Gegenständen, Gesten und den Farben, Tönen und Lichtern der Meere und Wälder Portugals.
| Di 31.08. | UT Connewitz |
| 21 Uhr | regulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€ |
LS/ZA/IT 2019, R: Lemohang Jeremiah Mosese, D: Mary Twala Mlongo, Jerry Mofokeng Wa
„Der Tod hat dich vergessen“, sagt der Priester zu Mantoa, einer 80-jährigen Witwe. Ihr letzter Sohn ist gerade bei einem Minenunfall verstorben und kehrt nicht wie üblich in die zerklüfteten Berge nach Lesotho zurück. Sie beginnt ihr Begräbnis zu planen, bereitet sich auf ihr Sterben vor. Doch der Tod kommt nicht. Stattdessen erreicht die Dorfgemeinschaft die Nachricht, dass sie umgesiedelt werden sollen, weil eine Überflutung des Tals droht und ein Staudamm gebaut werden soll. Aus diesem Setting entwirft THIS IS NOT A BURIAL, IT’S A RESURRECTION eine dunkel funkelnde Parabel über Trauer, Neo-Kolonialismus und kollektiven Widerstand.
Vor Ort mit wenigen Profis und vielen lokalen Laiendarsteller*innen gedreht, entfaltet sich die Geschichte durch die Anmut der Kamera, die dokumentarische Sensibilität der Bilder, die umwerfend beleuchteten Tableaus, die gespenstische Musik. Eine märchenhafte Sinnlichkeit entwickelt sich und wird vielschichtig zugespitzt, indem Wolle, Matsch, Zement, Asche, Vorhänge und Gewänder erzählerische Mittel werden. Ein Film, der Spuren von Brechts epischem Theater und eine ästhetische Verwandtschaft zu manchen Filmen von Pedro Costa aufweist – eine trotzige Totenklage, durchkreuzt mit Qualitäten aus einer anderen Welt. Ein Film, den man lange nicht vergisst.
| Mi 01.09. | UT Connewitz |
| 20 Uhr | regulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€ |
Die Abmachung, die wir beim Schauen vom Filmen eingehen, versprachlichen Leonor Noivo und ihre Co-Autorin Patricia Guerreiro gleich in den ersten Momenten von RAPOSA: Ein Mensch (Patricia) wird einen anderen Menschen (Maria) darstellen. Die Frage, wo die Person aufhört und wo die Figur anfängt, zersplittert uneindeutig in Mikrokosmen zwischen Welt und Ich. Der eigene Körper, diese „solidarische Masse“ (Jean-Luc Nancy), wird gespiegelt in einer behutsamen Fiktion, gefiltert durch die Kamera einer Filmemacherin, angereichert mit Biografie, erweitert als Metapher und wahrnehmbar als Abdruck in der Welt: als Gipshaut, als ephemere Wellen auf einer Oberfläche Wasser und als Leinwand für die Lichtstöße eines Projektors. Die Eindringlinge – Luft, Licht, Nahrung, Worte – konstituieren eine permanente Gefahr der Ansteckung, des Ich-Verlusts, der Auslöschung. Die Mittel des Kampfes: das Zählen, die Rituale, die Freundschaft, das Kino.
Kontamination ist auch ein zentrales Motiv in A MORDIDA. Hier bedroht sie als Epidemie die Lüge der natürlichen, binären Ordnung der Geschlechter und dient als Chiffre für den Aufstieg neo-faschistischer Strukturen in der brasilianischen Gesellschaft. Ursprünglich entwickelt als dokumentarisch-fiktionale Mehrkanal-Installation, vibriert der Film zu den Klängen des Londoner Klangkünstlers HAUT in einer moskito-getränkten Zukunft, die schon lange nicht mehr nur „vor uns“ liegt. Als würden wir den vorangegangenen Film einfach weiter träumen, entfalten sich die warmen Farben von PRINCESA MORTA DO JACUÍ in einer Regenwaldregion namens „Zentrale Depression“. Als fürchte er sich vor dem Eindringen der genmanipulierten Mücken aus A MORDIDA, trägt auch der Archäologe Moreira einen weißen Schutzanzug. Getrieben von Panikattacken reist er ins Herz der eigenen Finsternis, um sich den Dämonen seiner Vergangenheit zu stellen und Geschichte neu zu schreiben.
| Mi 01.09. | Plagwitzer Markthalle |
| 21: 30 Uhr | KURZFILMROLLE Raposa 40′ + The Bite 26′ + Dead Princess of Jacuí regulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€ |
RAPOSA / REYNARD
PT 2019, R: Leonor Noivo, D: Patricia Guerreiro, 40’, OmeU, DCP
A MORDIDA / THE BITE
PT/BR 2019, R: Pedro Neves Marques, D: Ana Flávia Cavalcanti, Alina Dorzbacher, Kelner Macedo, 26’, OmeU, DCP
PRINCESA MORTA DO JACUÍ / DEAD PRINCESS OF JACUÍ
BR 2019, R: Marcela Ilha Bordin, A: Gabriel Palma, Maíra Flores, 15’, OmeU, DCP

















