02.09.2021 | 香港製造 – Made in Hong Kong (HK 1997, Fruit Chan)

HK 1997, R: Fruit Chan, D: Sam Lee, Neiky Yim Hui Chi, Wenders Li, 104’, OmeU, DCP

Im Jahre 1997 geht die Kronkolonie Hongkong folgenreich an Festland- China zurück. Ein Großaufgebot symbolischer Zeremonien leitet einen vorerst unsichtbaren, gesellschaftlicher Wandel ein. Vor diesem Umbruch dreht Chan eine lose Trilogie über Figuren, die mit täglichen Herausforderungen kämpfen, während im Hintergrund zukunftsbestimmende Weichen gestellt werden. MADE IN HONG KONG ist dabei ein Mix aus Genrekonventionen und Coming-of- Age-Themen. Schauplatz ist ein Sozialbaukomplex, die Protagonist*innen ein Gruppe Jugendliche. Moon spielt Basketball, schützt seinen Freund Silvester, der mit einer geistigen Behinderung lebt, vor Mobbing und finanziert mit Gelegenheitsjobs für den Triadenboss Brother Wing seinen Alltag.

Zu schlau, sich den Triaden gänzlich anzuschließen, kann er sich doch deren Einfluss letztlich nicht vollends entziehen. Beim Geldeintreiben lernt er die kranke Ping kennen, der er im Folgenden zu helfen versucht. Parallel lassen Abschiedsbriefe eines unbekannten Mädchens die Gruppe der Jugendlichen nach einem Geist in der Großstadt suchen. MADE IN HONG KONG ist ein pessimistischer Blick in die Zukunft eines isolierten Terrains. Fruit Chans Helden ist bewusst, dass die Welt gegen sie gerichtet ist. Und dennoch versuchen sie, der Hoffnungslosigkeit etwas entgegen zu setzen.

Do 02.09.Luru Kino
19 UhrMit einer Einführung von Clemens von Haselberg

regulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€
im Doppel: 11€ / ermäßigt 9€

02.09.2021 | 第一類型危險 – DANGEROUS ENCOUNTERS: 1ST KIND (HK 1980, Tsui Hark)

HK 1980, R: Tsui Hark, D: Lo Lieh, Lin Chen-Chi, Albert Au, 95’, dF, 35mm

Im Jahre 1956 wird in der Kronkolonie ein Gesetz verabschiedet, welches Sprengstoffe als „dangerous objects of the first kind“ einstuft. Der gleichnamige Film zeigt Hongkong als Pulverfass: Eine Konsumgesellschaft voller Gewalt und Korruption im Würgegriff des westlichen Kolonialismus. Dazu eine unzufriedene Jugend, die das Streichholz entzündet. Je nach Schnittfassung legen drei Studenten in einem Kino eine selbstgebastelte Bombe oder sie begehen nach einem Unfall Fahrerflucht. Die psychotisch veranlagte Pearl beobachtet sie dabei und erpresst die Gang, weitere anarchistische Aktionen durchzuführen.

Eine jugendlich-naive Zelle entsteht, die Bomben legt, Tourist*innen ausraubt und öffentliche Verkehrsmittel entführt. Die Bande stolpert über die Affären kaltblütiger, amerikanischer Vietnam-Veteranen – bald interessiert sich auch eine Triade für sie. Die Lage spitzt sich zu und steuert einem Finale voller Wahnsinn entgegen. Der Film ist ein Frühwerk des New-Wave-Regisseurs Tsui Hark, der seinem rebellischen Unmut freien Lauf lässt und mit Hilfe auswegloser, rasanter Bilder ein tabuisiertes Thema als visuellen Höllenritt inszeniert. Ein nihilistischer Schocker über eine Jugend, die droht vor die Hunde zu gehen, wenn sie ihre Zukunft genommen bekommt.

Do 02.09.Luru Open-Air
22 Uhrregulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€
im Doppel: 11€ / ermäßigt 9€

鎗火’ – The Mission (HK 1999, Johnnie To)

HK 1999, R: Johnnie To, D: Anthony Wong, Francis Ng, Jackie Lui Chung-Yin, 81’, OmeU, 35mm

Ein Klassiker des Hongkong-Gangsterfilms der 1990er-Jahre vom Actionchoreographie- Meister Johnnie To: Dem Triadenboss Brother Lung wird nach dem Leben getrachtet, also werden ihm fünf Mitglieder seiner Organisation als Bodyguards zur Seite gestellt: Roy und seine rechte Hand Shin, der Waffenexperte James, der Pistolenheld Mike und der kaltblütige Mörder Curtis. Ohne dass diese viel von sich preisgeben würden, bilden sie kurzerhand ein Team mit einer Mission.

Die zusammengewürfelte Brüderlichkeit inmitten der Triadenunterwelt ist Dreh- und Angelpunkt des Films. Mit eingedampfter Story und Konstellation reiht sich der Film in die Hongkonger Milky Way-Produktionen der Zeit ein, in denen Themen vage bleiben und Emotionen nur hier und da aufblitzen. Inszenatorisch verdichtet sehen wir dieser Männerbande dabei zu, wie sie ihre Mission verfolgen und dabei sparsam ihre individuellen Charaktere enthüllen. Aus geringsten körperlichen Handlungen und kleinsten emotionalen Regungen entstehen eigentümliche Partnerschaften, stets flankiert von spannungsgeladenen Standoffs und Shootouts. Am Ende steht der Kumpanei die Loyalität zur Organisation entgegen. Ein Genre-Lichtspiel zwischen kinetischen Handlungen und Momenten der Stille.

Fr 03.09.Luru Open-Air
22 Uhrregulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€
im Doppel: 11€ / ermäßigt 9€

03.09.2021 | 那夜凌晨,我坐上了旺角開往大埔的紅VAN – The Midnight After (HK 2014, Fruit Chan)

HK 2014, R: Fruit Chan, D: Wong Yau-Nam, Janice Man, Chui Tien-You, 124’, OmeU, DCP

Ein roter Linienbus schlängelt sich durch das urbane Chaos Hongkongs. Nach und nach füllt er sich mit ungleichen Figuren, siebzehn um genau zu sein. Ein Querschnitt der lokalen Bevölkerung. Das Reiseziel: Tai Po, ein Vorort in den neuen Territorien. Als sich der Bus seinen Weg durch den Lion Rock Tunnel bahnt, passiert das Unerklärliche. Im Funknetz ist die Kommunikation zur Außenwelt verstummt, Straßen und Stadtbezirke sind leer. Alle bis auf die Insassen scheint die Stadt verschluckt zu haben. Die unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft sucht nach Antworten.

Zu allem Überfluss werden die Passagiere dabei von seltsamen Erscheinungen heimgesucht: Geisterhafte Wesen, Zombies, spontane Selbstentzündungen und eine Krankheit, die Teenager zum Schmelzen bringt. Ereignisse, die die menschliche Logik aushebeln – die Flucht in Hirngespinste und Verschwörungstheorien sind die Folge. Fruit Chan erzählt mit MIDNIGHT AFTER von einer Auflösung der bekannten Ordnung. Zurück bleiben Konspirationen, Orientierungslosigkeit und ein pessimistischer Blick ins Ungewisse. Der Film wirkt wie eine Prophezeiung: wenige Monate nach Erscheinen des Films sammeln sich auf den Straßen Hongkongs die Regenschirme, die Protestwelle beginnt.

Fr 03.09.Luru Kino
19 UhrMit einer Einführung von Clemens von Haselberg

regulär: 6,5€ / ermäßigt 5,5€
im Doppel: 11€ / ermäßigt 9€

04.09.2021 | DEUTSCHLANDPREMIERE: Lucrecia Dalt vertont DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM

D 1920, R: Paul Wegener, Carl Boese, D: Paul Wegener, Albert Steinrück, Lyda Salmonova, Ernst Deutsch, 76′, viragiert, DCP 4K 

TICKETS (€ 12) an der Abendkasse und im VVK unter: https://www.tixforgigs.com/Event/38121

Einigermaßen untergründig mutet die Vertonung des expressionistischen Klassikers des Weimarer Kinos DER GOLEM, WIE ER IN DIE WELT KAM von Paul Wegener und Carl Boese aus dem Jahr 1920 an. Die Geschichte um Rabbi Löw, der die Lehmfigur Golem erschafft, um die drohende Vertreibung der Bewohner*innen des jüdischen Ghettos im Prag des 16. Jahrhunderts abzuwenden. Aus einer Verkettung unglücklicher Umstände heraus wendet sich die Figur in der Folge gegen seinen Schöpfer. Die von Hans Poelzig für den Film entworfenen Bauten waren wegweisend für weitere Filmarchitekturen – bis heute gilt DER GOLEM als Vorbild und Referenz für das Horrorfilmgenre. Allerorten bedrängende Phantasmagorien, Alpträume von einer Welt, deren menschliche Gesichter Fratzen und deren Straßen steile Gebirgspfade geworden, deren Behausungen windschief und einsturzgefährdet sind.

Ähnlich der Magie, die dem Lehm eingehaucht wird und ihn zum Golem werden lässt, wird die kolumbianische Soundkünstlerin und frühere Geotechnikerin Lucrecia Dalt mit ihren tiefen Bassfrequenzen in den Filmbildern neue Abgründe aktivieren. Dalt ist eine international gebuchte wie gefeierte Musikerin und Performerin. Sie bewegt sich in akademischen wie musealen Settings, als auch in Clubkontexten. In ihren subtilen Klanglandschaften unterwandert sie allzu rigide Formvorstellungen, experimentiert mit südamerikanischen Rhythmiken, geloopten Drone-Sounds und ungewöhnlichen Spoken Word-Passagen. Das geologische Framework hat sie auf ihren musikalischen Ansatz übertragen: Ihr Songwriting vergleicht sie mit Boden- und Gesteinsschichten, die sich als eine Masse auf der Erdoberfläche abgelagert haben, dabei aus Einzelelementen mit individuellen Charakteristiken zusammengesetzt sind. Klanglich ergibt sich daraus ein neuartiges, surrealistisch-angehäuftes Terrain. 

4. SeptemberUT Connewitz
21 Uhr€ 12 [VVK: TixforGix]