Retrospektive | BAD GIRLS GO TO HEAVEN

















US 1965, R: Doris Wishman, D: Gigi Darlene, Charles E. Mazin, Sam Stewart, 65’, engl. OV, DCP
„I go to New York – I’ll get lost in the crowds there.“ Nachdem Meg Kelton vor ihrer Wohnungstür vom Hausmeister des Apartmentbuildings brutal angegriffen und vergewaltigt wird, gerät ihre bis dato beschauliche kleine Welt aus den Fugen: In Notwehr erschlägt sie den Angreifer kurz darauf und macht sich kurzerhand mit neuer Identität und ohne es ihrem Mann zu sagen von Chicago nach New York auf. Die Straßenschluchten und beschaulichen Impressionen vom Central Park lassen Meg – und uns – kurzzeitig aufatmen, doch auch die Metropole ist voller Männer, die nichts Gutes mit ihr im Schilde führen.
Doris Wishmans BAD GIRLS GO TO HELList mit seinem Entstehungsjahr 1965 ein frühes und noch in engem Bildformat schwarzweißgedrehtes Beispiel des Low-Budget-Exploitationkinos, in dessen Brust wie so oft zwei Herzen schlagen: Zum einen der Wille zur „Ausbeutung“ von Schauwerten, seien sie erotisch oder gewaltinduziert, zum anderen aber eine unmissverständlich vorgetragene Kritik an einer patriarchalen Gesellschaft, in der sich Frauen konstanten Bedrohungen ausgesetzt sehen. Wishman, die hier von ihren frühen, eher unverbindlichen „Nudies“ zum handfesten „Roughie“ hinübergleitet, legt zugleich auch einen (alb-)traumgleichen Autor:innenfilm vor, dessen eigenbrötlerische Inszenierungsweise man lange nicht vergessen dürfte!
| Fr 6 Sept | UT Connewitz |
| 22:00 Uhr | € 7 (6 ermäßigt) |
Retrospektive | BAD GIRLS GO TO HEAVEN









US 1985, R: Roberta Findlay, D: Enrique Sandino, Joe Lynn, Martha De La Cruz, 94’, engl. OV, DCP
TENEMENT ist wie BAD GIRLS GO TO HELL ein New-York-Film, doch die Skylines und Parkanlagen von Wishmans Film fehlen in Findlays Independentkino völlig. Hier gleicht die Stadt einem postapokalyptischen Wasteland. In der heruntergekommenen South Bronx gibt es zu Beginn eine Razzia in einem backsteinernen Mietshaus, dem titelgebenden „Tenement“, das Dreh- und Angelplatz des Home-Invasion-Reißers ist. Der martialische Chaco und seine Gang an Streetpunks werden unter Jubel eines Anwohners aus dem Hauskeller abgeführt. Für kurze Zeit wähnen sich die Hausbewohner:innen in Sicherheit – aber eben nur kurz. Denn die Gang kehrt wenig später zu ihrem eigens ernannten Revier zurück und hinterlässt eine Schneise der Verwüstung. Doch womit die sadistischen Hoodlums nicht gerechnet haben: Die multikulturelle Hausgemeinschaft überwindet ihre Differenzen und schließt sich im Angesicht der Bedrohung – wie bereits etwa in John Carpenters ASSAULT ON PRECINCT 13 – zusammen. Rohe Gewalt trifft auf rohe Gewalt.
TENEMENT ist heftiges Exploitationkino, in dem der Glaube an das Gute im Menschen hie und da aufflackert, aber meist von Pessimismus und Nihilismus erstickt wird. Entmenschlichung und Segregation herrschen, von der Gesellschaft jenseits des Tenements ist kaum etwas zu erahnen.
| Fr 6 Sept | UT Connewitz |
| 20:00 Uhr | Mit einer Einführung zur Reihe von Tilman Schumacher (GEGENkino) € 7 (6 ermäßigt) |
Retrospektive | BAD GIRLS GO TO HEAVEN













BAD GIRLS GO TO HEAVEN
Das US-amerikanische Exploitationkino von Roberta Findlay, Doris Wishman und Stephanie Rothman
Das Genrekino der letzten gut 120 Jahre ist eine Männerdomäne. Speziell Action-, Horror- und Erotikstreifen sind erst in den letzten Dekaden mehr und mehr aus weiblicher Perspektive erzählt und transformiert worden – man denke an das kinetische Blockbusterkino Kathryn Bigelows, den liebevoll ausstaffierten Neo-Exploitation-Pastiche von Anna Biller oder an die radikalfeministischen Erotizismen Catherine Breillats.
In der überbordenden US-amerikanischen Genrefilmindustrie gab es jedoch ab den 1960er Jahren bereits mehrere Filmemacherinnen, die sich dezidiert dem eskalationsfreudigen Genrekino exploitativer Provenienz widmeten und mittlerweile eine breite Fangemeinde aufweisen. Drei von ihnen möchte BAD GIRLS GO TO HEAVEN vorstellen: Roberta Findlay (*1943), Doris Wishman (1912-2002) sowie Stephanie Rothman (*1936).
Die Filmgeschichtsschreibung steht noch am Anfang, die Arbeiten dieser drei Filmemacherinnen zu würdigen. Das GEGENkino, das die Gegenwart stets mithilfe des Blicks ins Vergangene verstehen will, stellt euch im Sinne dieser einsetzenden Neubewertung eine Auswahl von sechs Filmen vor, die zeigen, dass Genrekino nicht gleich Genrekino und weibliche Perspektive nicht gleich weibliche Perspektive ist. Zugleich spannen wir einen weiten Bogen: von sonnendurchfluteten Sexkomödien über Gefängnisfilmreißer und Home-Invasion-Roughness bis hin zu einer absoluten „Kernkompetenz“ des Grindhouse-Cinema entlang der New Yorker 42nd Street: den Traum- und Albtraumwelten nackter Körper.
Gemeinsam ist allen dreien die unbedingt kommerzielle Ausrichtung ihrer Œuvres bei gleichzeitigem Bestreben, sich eine eigene Handschrift innerhalb der Industrie zu bewahren. Die Budgets von Findlay, Wishman und Rothman unterscheiden sich dabei teils merklich: Doris Wishman, die große Self-Made-Filmemacherin unter den präsentierten Exploitationfilmerinnen, drehte oft mit Mikrobudgets, ohne Primärton und – besonders aufregend bis bizarr – ohne vorab festgelegte Stories: Ein Kino der Gesten und Zuspitzungen, opulenter Atmosphären und der unbedingten Hingabe an seine Heldinnen. Hierfür steht in unserer Schau ihr bekanntester, weil für das feministisch gewendete Sexploitationgenre so einflussreiche Film BAD GIRLS GO TO HELL (US 1965), aber auch die Pulp Fiction des Agentenfilm-Sleaze von DOUBLE AGENT 73 (US 1974).
Im Rahmen prekärer B-Movie-Produktionskontexte finanziell besser gestellt waren die Filme von Findlay und Rothman. Rothman, die einzige ausgebildete Filmemacherin des vorgestellten Trios (sie ging durch die Genreschmiede des kürzlich verstorbenen Roger Corman!), besetzte in ihren sensiblen Ensemblefilmen ab den späten 1960er Jahren bewusst männlich dominierte und mit Sexismen durchsetzte Genres wie die libertäre Sexkomödie THE WORKING GIRLS (US 1974) oder den muskelbepackten Gefängnisfilm-Actioner TERMINAL ISLAND (US 1973). Ähnlich ist auch Findlays Filmkosmos gelagert: A WOMAN’S TORMENT (US 1977) erzählt in extremen Bildern – Hardcorepornografie trifft auf Horrormotive! – von toxischen Geschlechterverhältnissen und weiblicher Selbstermächtigung. TENEMENT (US 1985), der jüngste Film unserer kleinen Auswahl, ist bei aller Härte seines „postapokalyptischen“ Settings doch in dem Sinne ein utopisch-hoffnungsvoller Film, als dass dort in einer Hausgemeinschaft die Gegensätze von Geschlecht, Klasse und Ethnie angesichts äußerer Bedrohung kurzzeitig überwunden scheinen.
Die skizzierten Motivwelten deuten es vielleicht bereits an: Das Exploitationkino ist ein Kino der Ambivalenz. Denn das, auf was es kritisch aufmerksam macht, wird zugleich – und nicht selten schamlos – in filmischen Schauwert „umgemünzt“. Dass ein solches Kino kalkulierter Zumutungen, auch wenn nicht immer „wertvoll“, seinen festen Platz in der Filmgeschichte haben sollte: dafür steht diese Reihe. Nicht zuletzt haben Findlay, Wishman und Rothman Anteil an einem alternativen Kino der USA. In ihm verbindet sich nicht selten weiblicher Blick und Gegenwartsdiagnose mit genüsslichen Bürgerschreck-Vibes: Ein trotziges „Bad Girls go to Heaven“, in Abwandlung eines Filmtitels unserer Reihe.
| 06.09.24 UT Connewitz | |
| 20:00 Uhr | TENEMENT US 1985, R: Roberta Findlay, D: Enrique Sandino, Joe Lynn, Martha De La Cruz, 94’, engl. OV, DCP Mit einer Einführung zur Reihe von Tilman Schumacher (GEGENkino) |
| 22:00 Uhr | BAD GIRLS GO TO HELL US 1965, R: Doris Wishman, D: Gigi Darlene, Charles E. Mazin, Sam Stewart, 65’, engl. OV, DCP |
| 10.09.24 Luru Kino | |
| 19:00 Uhr | A WOMAN’S TORMENT US 1977, R: Roberta Findlay, D: Tara Chung, Jennifer Jordan, Jake Teague, 84’, engl. OV, DCP Mit einem Videointerview zwischen André Malberg (Filmsammler und -historiker) & Roberta Findlay |
| 21:00 Uhr | THE WORKING GIRLS US 1974, R: Stephanie Rothman, D: Sarah Kennedy, Laurie Rose, Cassandra Peterson, 80’, engl. OV, DCP |
| 14.09.24 Luru Kino | |
| 20:00 Uhr | TERMINAL ISLAND US 1973, R: Stephanie Rothman, D: Ena Hartman, Barbara Leigh, Tom Selleck, 88’, engl. OV, 35mm Mit einer Einführung zum Filmdoppel des Abends von Silvia Szymanski (Autorin und Filmkritikerin) |
| 22:00 Uhr | DOUBLE AGENT 73 US 1974, R: Doris Wishman, D: Chesty Morgan, Frank Silvano, Saul Meth, 73’, DF, 35mm |




AR/BE/ET/DE 2023, R: Edmundo Bejarano, D: Elijah Reid, Kalkidan Abiy, 85′, OmeU, DCP
Ein junger Jazzmusiker passiert einen geschlossenen Kiosk in den Slums von Addis Abeba. Das Schild am Shop sagt „Euro-Sport“. Die Kinder auf der Straße schauen ihm nach, wie er von dannen zieht, die Gitarre auf den Rücken geschnallt, hinein in die Nacht. Michael hat zugestimmt, in drei Tagen zurück nach Brüssel zu ziehen, um dort mit seiner Mutter und Schwester zu leben. Obwohl er Europa hasst. Also bleiben ihm nur noch wenige Augenblicke des Abschiednehmens von Äthiopiens lebendiger Hauptstadt: bei einer Jam-Session und ausgedehnten Zärtlichkeiten im Bett, im Autoscooter, in einer Strip-Bar. Mulatu Astatke, der Godfather des äthiopischen Jazz, hat einen Gastauftritt und ist auch sonst allgegenwärtig. Es regnet häufig, Neonleuchten phosphoreszieren in der Nacht, Michael tanzt ein letztes Mal als Michael Jackson-Double, sagt einem Freund mehrfach „Goodbye!“ Er ist zerrissen zwischen den Welten. Edmundo Bejarano (Regie) und Carlos Vargas (Kamera/Produktion), beide gebürtige Südamerikaner, lernten sich vor Jahren in Berlin kennen und realisierten diesen wunderbar unaufgeregten Film mit kleinem Budget auf ihrem Wahlheimatkontinent Afrika. Ein melancholisches Stück über Wurzellosigkeit.
| Fr 6 Sept | UT Connewitz |
| 18:00 Uhr | € 7 (6 ermäßigt) |



AT/DE 2023, R: Martha Mechow, D: Selma Juana Schulte-Frohlinde, Ann Göbel, Joseph Löcker, 100′, OmeU, DCP
In einem abendlichen Wohnzimmer wird die Mutter der kleinen Schwestern Flippa und Furia von ihrem Sofa verschluckt. Kurz vorher sagt sie noch: „Ich wünschte ich wäre ein Teppich, dann könnte ich hier einfach liegen bleiben.“ Sie entledigt sich ihrer häuslichen Pflichten und hinterlässt die Kinder. Jahre später fliegt Flippa nach Sardinien, um Furia zu treffen, die sie lange nicht gesehen hat – die dort in einer Frauenkommune inmitten der Natur lebt. Dort ziehen sie ohne Männer Kinder groß, organisieren spontane Dorfparties und begehen kleine Diebstähle. Die beiden verbringen Zeit zusammen, bis es Flippa weiterzieht, immer auf der Suche nach einer Möglichkeit den „heterosexuellen Knoten“, wie es im Film heißt, zu durchtrennen.
Martha Mechows Debütfilm ist rebellisch, ästhetisch exzessiv und unberechenbar, spielerisch und sehr witzig. Eine überbordende Vielfalt an Ideen, improvisierten Situationen, Musik, Monologen und vielem mehr wird entlang der elliptisch erzählten Geschichte miteinander kombiniert und geht ineinander über. Von kollektivem Spirit, bissigen Lektüren von Jane Austen, Kettensägen, die das Jesuskind von einer Muttergottesstatue abtrennen und materialistischen Ansichten zur Unterdrückung von Frauen hin zu einer Kamera, die sich neugierig bewegt und einem rhythmisierten Schnitt: DIE ÄNGSTLICHE VERKEHRSTEILNEHMERIN bleibt stets im Modus freier Beweglichkeit, die Hoffnung macht.
| Do 5 Sept | UT Connewitz |
| 21:00 Uhr | Am 5.9. in Anwesenheit von Martha Mechow € 7 (6 ermäßigt) |