13.09.2023 | DE FACTO (AT/DE 2023, Selma Doborac)

AT/DE 2023, R: Selma Doborac, D: Christoph Bach, Cornelius Obonya, 130’, OmeU, DCP

Wie kann sich das Kino mit der Komplexität der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und mit extremer Gewalt befassen ohne damit gemeinsame Sache zu machen? DE FACTO findet im akribisch geführten Spiel zweier Schauspieler, mittels eines präzis gebauten Filmskripts und in einem streng reduzierten Setting Antworten auf diese Fragen. In langen und statischen Einstellungen und getrennt von einander präsentieren zwei Schauspieler Texte, die sich auf konkrete Formen der Entmenschlichung und auf damit einhergehende Täterschaft beziehen. 

Die extreme Gewalt und die Beweggründe der Täter, die sie ausübten, sind zentrale Bestandteile der Monologe. In dieser Anordnung sind wir als Zuschauende mit einem von Selma Doborac hochgradig verdichteten Text konfrontiert. Dieser beruht auf Fakten und wird von den beiden dramatischen Figuren präsentiert – in Form von Gerichtsprotokollen, Täteraussagen und Berichten über alltägliche Geschehnisse. Die körperliche Präsenz der Spielenden – ihre Haltung sowie der mentale Akt des Erinnerns, der sich im Sprechen manifestiert – komplementieren die Drastik der Sprachinhalte. Mit ihrem zweiten Langfilm schreibt sich Selma Doborac tief in gegenwärtige Diskurse um eine angemessene Darstellbarkeit von Täterschaft ein.

Mi 13. SeptSchaubühne Lindenfels
20:00 Uhr€ 6,5 (5,5 erm./red.)

12.09.2023 | AS I WAS LOOKING ABOVE, I COULD SEE MYSELF UNDERNEATH (CH/XK 2022, Ilir Hasanaj)

Carte blanche | KINO ARMATA

AS I WAS LOOKING ABOVE, I COULD SEE MYSELF UNDERNEATH

CH/XK 2022, R: Ilir Hasanaj, Dok, 62’, OmeU, DCP

Der Film schildert die Geschichten von sieben im Kosovo lebenden LGBTQIA+ – Personen aus unterschiedlichen Verhältnissen und Generationen. In ihren eigenen Worten und zum ersten Mal in einem koso-varischen Film mit ihren echten Namen, Stimmen und Gesichtern erzählen Megi, Semi, Edon, Qerkica, Mustafa, Blendi und Linda von der Entdeckung ihres Queer- Seins und ihrem Leben in einem Umfeld der Nicht-Akzeptanz und Ausgrenzung. Es geht um Hoffnungen und Träume, um Verlust und Niederlage und um die Bedeutung von Heimat. 

AS I WAS LOOKING ABOVE erforscht die isolierte Kultur der Resilienz, die über viele Jahre hinweg in einem intimen Rahmen gepflegt und durch gegenseitige Solidarität und Mitgefühl zusammengehalten wurde. Die Kontraste zwischen den Geschichten der jüngeren und älteren Protagonist:innen spiegeln die sozialen Veränderungen, die der Kosovo seit den 90er Jahren vor dem Krieg bis hin zur ersten Pride Parade in Pristina 2017 durchgemacht hat. Im Kosovo und in großen Teilen des Balkans sind Queerness und Homosexualität nach wie vor ein großes Tabu. Der Großteil der kosovarischen Bevölkerung ist konservativ muslimisch geprägt, was nicht zum Abbau der Vorurteile beiträgt – zusätzlich gibt es die beliebte Falschbehauptung, Queer-Sein sei eine Ideologie, die nach dem letzten Kosovo-Krieg aus dem Westen importiert worden sei. Dem entgegen stehen die Erzählungen dieses raren Dokuments. 


Di 12. Sept
KINO ARMATA
Luru Kino in der Spinnerei
19:00 UhrIn Anwesenheit von Ilir Hasanaj
€ 6,5 (5,5 erm./red.)

TEASER

12.09.2023 | PRIMATE (US 1974, Frederick Wiseman)

Retrospektive | ANIMAL REALITIES

US 1974, R: Frederick Wiseman, Dok, 105’, engl. OV, 16mm

PRIMATE

Der Dokumentarist Frederick Wiseman hat das Gros seines Filmschaffens dem Porträtieren von öffentlich (teil-)finanzierten Institutionen der Vereinigten Staaten gewidmet. Die demokratische Öffentlichkeit habe schließlich ein Recht zu erfahren, wo das Steuergeld hinfließt. Seit den 1970ern hat er dabei eine Methode entwickelt, der er bis heute treu geblieben ist: Keine erklärenden Voice-Over, keine externe Filmmusik, keine Talking-Head-Interviews, die für das Filmteam (bestehend aus Wiseman am Ton und seine Stammkameramänner) arrangiert wären. Das heißt nicht, dass die Filme „neutral“ auf ihre Mikrokosmen blicken; aus der Selektion des Materials aus abertausenden Filmmetern lässt sich die Haltung Wisemans ablesen. 

In PRIMATE begibt sich Wiseman in das Yerkes Primate Research Center, ein für den damaligen Standard avanciertes Forschungszentrum der Primatenforschung. Er ist hier vor allem an den für Außenstehende hermetisch wirkenden Abläufen interessiert, weniger an den individuellen Perspektiven der Akteur:innen. Was den Film für manch eine:n zu einer Bewährungsprobe macht, sind seine konzentrierten Blicke auf Tierversuchspraktiken, die mitunter die Assoziation zu Folterungen zulassen. „[E]ine Mischung aus Horror- und Science-Fiction- Film, in dem eine Gruppe von Primaten ihre Macht gegenüber einer anderen Gruppe von Primaten durchsetzt.“ (Hannes Brühwiler)


Di 12. Sept
ANIMAL REALITIES
Luru Kino in der Spinnerei
21:00 Uhr€ 6,5 (5,5 erm./red.)

11.09.2023 | DRY GROUND BURNING (BR/PT 2022, Joana Pimenta, Adirley Queirós)

BR/PT 2022, R: Joana Pimenta, Adirley Queirós, D: Joana Darc Furtado, Léa Alves da Silva, Andreia Vieira, 153’, OmeU, DCP

Chitara und Léa sind Halbschwestern und wiedervereint: Léa ist gerade wieder aus dem Gefängnis entlassen worden. Sie leben in Sol Nascente, einer trostlosen Favela am Stadtrand von Brasilia, und sind „gasolinheiras“: sie stellen aus Rohöl Benzin her und verkaufen es an lokale Motorradcrews. Mit einer Gruppe von Frauen betreiben sie eine kleine Fabrik, in der sie das Öl illegal aus Leitungen abzapfen und verarbeiten. So überleben sie inmitten von Drogenhandel und der Konkurrenz mit kriminellen Kartellen. 

DRY GROUND BURNING führt vielschichtig wie grimmig vor, wozu Entmündigungen bestimmter Gruppen und Gesellschaftsschichten unter einer autoritären Regierung führen können: zu Rebellion, gespickt mit Gewalt und Gegengewalt. Ästhetisch eine clevere Mischung aus dokumentarischen und fiktionalisierten Passagen, sehen wir Bilder von nächtlichen Eskapaden, militarisierten Polizeipatrouillen und von den Arbeitsprozessen in ihrer Fabrik – alles im Wechsel mit intimen Gesprächen der Frauen über Familie, die Zustände und die Möglichkeit einer Zukunft. Basis des Film ist das reale Leben der Porträtierten, angereichert mit visuellen Anleihen aus dem Gangstergenre und dystopischer Science-Fiction à la MAD MAX. Dank der Mittel des Kinos kann Léa am Ende des Films eine Rachefantasie verwirklichen: DRY GROUND BURNING kulminiert in einem Bild, das Zerstörung und Grazie vereint. Ein ungehemmtes, politisches Statement jenseits von Didaktik.

Mo 11. SeptSchaubühne Lindenfels
21:00 Uhr€ 6,5 (5,5 erm./red.)

TRAILER

11.09.2023 | KURZFILME AUS DEM KOSOVO

Carte blanche | KINO ARMATA

PA VEND / DISPLACED 

XK 2021, R: Samir Karahoda, 15’, OmeU, digital 

I HAVE NEVER BEEN ON AN AIRPLANE 

XK 2020, R: Redon Kika, 9’, OmeU, digital

JEHONË / ECHO 

XK 2022, R: Ana Morina, 8’, OmeU, digital 

SHPIJA / HOME 

XK 2022, R: Flaka Kokolli, 7’, ohne Dialog, digital 

GARDHI / FENCE 

XK/HR/FR 2018, R: Lendita Zeqiraj, 15’, OmeU, digital 

KANGË E DEFA: FEMALE RHAPSODY IN KOSOVA 

DE/XK 2014, R: Vincent Moon, Fatime Kosumi, 29’, Dok, OmeU, digital 

Alush Gashi und Ilir Hasanaj haben für das GEGENkino eine Kurzfilmrolle zusammengestellt, die einen Einblick in das gegenwärtige filmische Schaffen des Kosovo gewährt. Ästhetisch ist eine große Bandbreite an Arbeiten vertreten, angefangen etwa mit DISPLACED, der über den internationalen Festivalzirkus tourte und 2021 in Toronto als bester Kurzfilm ausgezeichnet wurde: Ein Tischtennisclub muss immer wieder umziehen, weil er über keine festen Trainingsräume verfügt. Alte Garagen, leerstehende Hochzeits-säle – mitunter wird die Platte auch kurzerhand auf dem Traktor transportiert. Eine humorvolle, subtil-metaphorische Studie über junges Talent in einer abweisenden Umgebung. Oder auch der fiktionale FENCE, in dem ein launiges Familientreffen mit dem unwillkommenen Eintreffen eines jungen Roma und seinem Hund langsam ins Chaotische abdriftet. FEMALE RHAPSODY IN KOSOVA spürt in einem poetischen Trip dem Klang der Landschaft nach, den Harmonien eines Landes durch seine traditionellen Frauengesänge – ein Mosaik voller Geschichten, Charaktere und Musik. Der Animationsfilm HOME thematisiert den Wunsch des Weggehens von einem Zuhause, bei dem das Zuhause aber mitkommt und immer dabei ist. Dazu mit I WAS NEVER ON AN AIRPLANE und JEHONË zwei Filme der „Neo_ School“ des Kino ARMATA.


Mo 11. Sept
KINO ARMATA
Schaubühne Lindenfels
19:00 UhrIn Anwesenheit von Alush Gashi und Ilir Hasanaj 
€ 6,5 (5,5 erm./red.)