Special | MILIEU-KINO
2551.02 — THE ORGY OF THE DAMNED
AT 2023, R: Norbert Pfaffenbichler, D: Stefan Erber, Veronika Harb, Jurij Föger, 82’, ohne Dialog, DCP




Die im Titel aufgerufenen Verdammten sind Tier-Mensch-Hybride, Schlechtweggekommene und deformierte Kannibalen-Freaks, die kein Tageslicht zu Gesicht bekommen und in einer sprachlosen und moralfreien Postapokalypse leben. Während diese ihre entfesselten Orgien in Bordellen, Darkrooms und Fightclubs feiern, begibt sich Protagonist und Anti-Held Affenmann auf die Suche nach einem ihm liebgewordenen Kind, das vom waltenden Terrorregime entführt wurde und in einem Bootcamp zum willenlosen Soldaten ausgebildet werden soll.
Mit 2551.02 – THE ORGY OF THE DAMNED legt Norbert Pfaffenbichler einen Road Trip der Abscheulichkeiten vor, der mit geringen finanziellen Mitteln, aber mit um so mehr Leidenschaft für eine einzigartige und in sich stimmige Ästhetik produziert wurde, in der optisch hochwertiger Trash, italienische Opernmusik und im Beat von Industrialtechno geschnittene Bilder zusammenkommen. Wer also glaubt, dass exzessive Gewalt, Bodyhorror und Slapstick, pervertierte Lust und tabuloser Humor sich nicht ausschließen, ist herzlich willkommen im Höllenkreis der mutierten Kotze. Ja genau: Die Kotze, die dir nach Verlassen des Gesichts mit einem halben Dutzend Augen zuzwinkert.
| Sa 9. Sept 22:00 Uhr | DEUTSCHLAND-PREMIERE UT Connewitz € 6,5 (5,5 ermäßigt) |
22:00 Uhr | MILIEU-KINO Karl-Helga Wagenplatz |
Multimedia-Vortrag | Jens Balzer
ETHIK DER APPROPRIATION


Die Popkultur nährt sich stets aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen wie kulturellen Einflüssen, ist ein dauerhafter Prozess von Variation und Neukombination. Ein Trend ist meist ein Bauplan aus Bestehendem. Oft erscheint dabei das besonders „Exotische“ und Fremde als die süßest mögliche Zutat.
Doch handelt es sich dabei um eine zitierende Hommage oder ein Plagiat? Zeigt die Neuproduktion einen respektvollen Umgang mit ihren ästhetischen Vorbildern? Wurde das Bedienen künstlerisch oder kommerziell gedacht? Mit Letzterem: hätte eine Filmproduktion damit den bitteren Nachgeschmack von kultureller Aneignung? Das passiert, wenn Wertschätzung in Ausbeutung umschlägt: Eine dominante Kultur übernimmt Aspekte historisch unterdrückter Kulturen und nutzt sie zu ihrem eigenen kreativen und kommerziellen Vorteil, ohne den Schöpfer:innen des ursprünglichen Rezepts die gebührende Anerkennung, Entschädigung oder den Respekt zu zollen. Der Begriff „kulturelle Aneignung“ wurde 2018 in das Oxford English Dictionary aufgenommen, definiert als „die nicht anerkannte oder unangemessene Übernahme der Praktiken, Bräuche oder Ästhetik einer sozialen oder ethnischen Gruppe durch Mitglieder einer anderen (typischerweise dominanten) Gemeinschaft oder Gesellschaft.“
Der Journalist und Autor Jens Balzer versucht mit seinem Buch „Ethik der Appropriation“ diese in sich selbst kreisende Debatte zu durchbrechen. Er wird in einem Multimedia-Vortrag sein Buch vorstellen und seine Ausführungen mittels Musik- und Film-Einspielern veranschaulichen.
| Sa 9. Sept | UT Connewitz |
| 20:00 Uhr | Vortrag auf deutsch € 6,5 (5,5 ermäßigt) |
Retrospektive | ANIMAL REALITIES
NOHOI ORON / STATE OF DOGS
BE/MN 1998, R: Peter Brosens, Dorjkhandyn Turmunkh, Dok, 91’, OmeU, 35mm

Basaar wird als verwahrloster Straßenhund in den staubigen Gassen Ulaanbaatars von einem Hundejäger getötet. Eigentlich wäre es seine Bestimmung als Mensch wiedergeboren zu werden, doch Basaar verweigert sich diesem Schicksal und führt uns in seinen Erinnerungen in die Steppe der Mongolei, in der er als Teil einer nomadischen Gemeinschaft mit den Herden lebte, bis es ihn in die Großstadt verschlug. In ihrer Dog-Doku-Fiktion STATE OF DOGS vereinen der belgische Filmemacher Peter Brosens und sein mongolischer Kollege Dorjkhandyn Turmunkh auf beeindruckende Weise postsozialistische Realitäten mit Folklore und Mystik mit Ethnografie.
VREMENA GODA / SEASONS OF THE YEAR
SU 1975, R: Artavazd Peleshian, Dok, 29’, ohne Dialog, DCP



In der Armenischen Sozialistischen Sowjetrepublik, Mitte der Siebziger: Ein Schäfer ist einem seiner Tiere in die Fluten hinterher gesprungen. Riesige Heuballen werden steile Wiesen hinunter gejagt. Eine Hochzeit wird gefeiert. Die Jahres-zeiten wechseln. Im Schnee rutschen die letzten Tiere zusammen mit den Hirten den Hang hinab. Alltägliche Szenen in Schwarz-Weiß, mal feierlich entrückt – in einen Vivaldi-Score getaucht – mal unmittelbar und nah, fast rau. Mit virtuoser Montage und visueller Kraft entfaltet sich dieses eindrückliche Porträt SEASONS OF THE YEAR voll Poesie und Pathos.
| Fr 8. Sept | ANIMAL REALITIES Luru Kino in der Spinnerei |
| 22:00 Uhr | € 6,5 (5,5 erm./red.) |
Retrospektive | ANIMAL REALITIES
2010-2022, DE, R: Neozoon, 80′, OV
NEOZOON KURZFILM PROGRAMM



Das seit 2009 enorm umtriebige Künstlerinnen-Duo NEOZOON präsentiert eine Auswahl an Kurzfilmen und Videoarbeiten, die das Verhältnis Mensch-Tier und die Rolle von Bildproduktion in diesem reflektieren. Die Beiden greifen meist auf gefundenes Material aus dem Internet zurück, welches sie mit einer häufig enorm rhythmisierenden Montage on point neu arrangieren. Dabei spielen das Posieren (und sich Aufgeilen) nach erfolgreicher Jagd ebenso eine Rolle, wie der Konsum von Tierkörpern und das milliardenschwere Clip-Archiv putziger Kleintiere und ihrer „Besitzer:innen“. NEOZOON gehen den ideologischen Strukturen auf den Grund, die es ermöglichen, Hierarchisierungen für den Wert von Lebewesen aufrechtzuerhalten und thematisieren kapitalistische Ausbeutung, religiösen Wahn und neoliberale Körpernormierungen in Beziehung zu nicht-menschlichen Tieren. Im Dickicht der hypertrophierenden Bildwelten sozialer Medienplattformen spüren sie die Fragilitäten anthropozentrischer Selbstbilder auf, zerlegen diese und setzen sie in subversiv-irritierende Arrangements wieder zusammen. Oder sie intervenieren im öffentlichen Raum, etwa durch die fiktionalen Manteltiere – augenlos und an Nerzmäntel erinnernd –, welche sie in den Münsteraner Zoo platzierten, um die Reaktionen der Besucher:innen darauf zu filmen.
Programm:
DAS MANTELTIER (2010, 3 min
GOOD BOY – BAD BOY (2011, 3 min)
BUCK FEVER (2012, 6 min)
UNBOXING EDEN (2013, 5 min)
MY BBY 8L3W (2014, 3 min)
SHAKE SHAKE SHAKE (2016, 4 min)
CALL OF THE WILD (2017, 4 min)
LOVE GOES THROUGH THE STOMACH (2017, 15 min)
LITTLE LOWER THAN THE ANGELS (2019, 13 min)
BITING THE DUST (2021, 13 min)
LAKE OF FIRE (2022, 11 min)
| Fr 8. Sept | Luru Kino in der Spinnerei |
| 20:00 Uhr | In Anwesenheit von NEOZOON Q&A nach der Vorführung € 6,5 (5,5 erm./red.) |
Retrospektive | ANIMAL REALITIES
UN ANIMAL, DES ANIMAUX
FR 1995, R: Nicolas Philibert, 59′, Dok, OmeU, DCP







Vorschlaghämmer zerbersten Glasvitrinen, Schaufelbagger graben sich durchs Erdreich, Arbeiter:innen legen das Stahlgerippe eines gigantischen Gebäudes frei. Derweil werden Flügel drapiert, Pfoten fixiert, Wirbel arrangiert. Die Plastikaugen der Exponate halten den Blick, der sie trifft. Der renommierte Dokumentarist Nicolas Philibert begleitete von 1991 bis 1994 die Renovierung und Wiedereröffnung der Zoologischen Galerie des Nationalmuseums für Naturgeschichte in Paris. Getragen wird das Porträt auch von der Hingabe der Menschen, die sich dem musealen Ausstellen von präparierter Natur verschrieben haben. Die Kamera wohnt ihrer Detailliebe und ihren Präzisionen unaufdringlich bei. Der Schnitt ordnet die Beobachtungspartikel neu. Der Soundtrack formt Atmosphärisches. Die Kinoleinwand wird zur Vitrine. Ein Dokumentarfilm als Übung in Taxidermie.
NO ANIMAL
DE 2022, R: Christoph Girardet, Matthias Müller, 21‘, ohne Dialog, DCP

Der aus kurzen Ausschnitten fiktionaler Werke entstandene NO ANIMAL ist weniger ein Statement über die Essenz des Tieres in der Kinogeschichte, als vielmehr ein stilvoll komponiertes Experiment über filmischen Raum, Bewegung, Stimmung, Farben, Rhythmus und Affekte. Bis am Ende der Tod ins Spiel kommt und die Fiktion nicht mehr für alle Beteiligten der Garant der Unversehrtheit ist.
GELIEBT
DE 2010, R: Jan Soldat, 15‘, Dok, OmeU, DCP


Jan Soldat trifft Männer und spricht mit ihnen vor der Kamera. Mit dabei in GELIEBT: zwei Hunde. 16mm-Material war nur für knapp 50 Minuten da. Wie damit erzählen von der Liebesbeziehung zu den Tieren? Welchen Raum kann Intimität dabei einnehmen? Was bedeutet es als Porträtierter, sich zu zeigen? Welche Rolle spielt für die Zuschauenden der Ort Kino, in dem der Film ausschließlich zu sehen ist?
Fr 8 Sept | ANIMAL REALITIES Luru Kino in der Spinnerei |
| 18:00 Uhr | € 6,5 (5,5 erm./red.) |