Retrospektive | BAD GIRLS GO TO HEAVEN






US 1973, R: Stephanie Rothman, D: Ena Hartman, Barbara Leigh, Tom Selleck, 88’, engl. OV, 35mm
Ein Exploitationfilm, der unterschiedlichste Motive des marktförmigen Genrekinos der 1970er Jahre vereint und dabei männlich geprägte Genrekonventionen durcheinanderwirbelt: Stephanie Rothmans erster und einziger Actionstreifen ist halb Outdoor-Gefängnisfilm, halb gesellschaftskritische Dystopie à la ESCAPE FROM NEW YORK.
„No Walls, No Guards, No Rules”. Um Mörder:innen aus der Gesellschaft zu verbannen, schiebt man sie kurzerhand auf eine isolierte Insel, auf Terminal Island, ab. Hier sind die Verurteilten ganz – und unter Applaus der „Rechtschaffenden“ – ihrem Schicksal überlassen. Wo jedes Recht abwesend ist, gilt das Faustrecht der oder des Stärkeren. Die Dystopie des alttestamentarischen Zahn-um-Zahn interessiert das Kino über die Dekaden hinweg immer wieder. Was Rothman, die Spezialistin für komödiantische Ensemblefilme, daraus macht, zollt einerseits der „Spektakellogik“ des eskalationsfreudigen Bahnhofskinos mit ausstaffierten Gore- und Erotikeinlagen Tribut, ist andererseits aber auch ein ernsthafter Blick auf ein Szenario, das nicht nur einfach rechtlos ist, sondern auch neuen Formen menschlichen Zusammenlebens abseits von Rassismus, Sexismus und von Klassengegensätzen zulassen könnte.
| Sa 14 Sept | Luru Kino in der Spinnerei |
| 20:00 Uhr | Mit einer Einführung zum Filmdoppel des Abends von Silvia Szymanski (Autorin und Filmkritikerin) € 7 (6 ermäßigt) |




BR/PT 2023, R: Carolina Markowicz, D: Maeve Jinkings, Kauan Alvarenga, Thomás Aquino, 101′, OmeU, DCP
Die allein erziehende Mutter Suellen arbeitet als Kassiererin an einer Mautstation und macht sich Sorgen um ihren Teenager-Sohn Tiquinho. Wenn Tiquinho nicht in der Schule ist, schminkt er sich, macht Lip-Sync-Videos zu Billie Holiday-Songs und versucht Kosmetikprodukte auf Social Media zu verkaufen. Als die Videos bereits bei Arbeitskolleginnen zum Gesprächsthema werden, lässt sich Suellen überreden Tiquinho zu einer kostspieligen Konversionstherapie anzumelden, die sie von ihrer Fürsorge getrieben mit kriminellen Mitteln finanziert.
Von Beginn an ziehen eine:n die körnig-atmosphärischen Bilder mitten in das (sub)proletarische Milieu der Geschichte hinein – von verwinkelten Wohnungen hin zu den ausgedehnten Industrielandschaften der Stadt Cubatão, die mit ihren Feuer und Qualm spuckenden Schornsteinen von üppigen, grünen Hügeln umgeben ist. Visuell konterkariert wird das durch die Perspektive von Tiquinho, durch dessen rosa Sonnenbrille wir manchmal schauen – von seinen farbenfrohen Videos und seinem mitunter extravaganten Kleidungsstil. Neben dem sehenswerten Schauspiel der vielschichtig erzählten Figuren besticht TOLL durch seinen Humor, vor allem während der Therapiesitzungen. Penisse aus Knetmasse werden dort in Vaginen umgestaltet, um Fixierungen zu lösen und: wir erfahren, dass der Anus mit dem Teufel im Bunde ist – und warum der ihn mit Bakterien umgeben hat. Zurecht ein internationaler Festivalhit.
| Sa 14. Sept | Luru Kino in der Spinnerei |
| 18:00 Uhr | € 7 (6 ermäßigt) |
Special | MILIEU-KINO










US 1976, R: Carter Stevens, D: Susan McBain, Alan Marlow, Terri Hall, 84′, engl. OV, 35mm
Zum Abschluss zeigen wir am 13.09. ROLLERBABIES, ein durchaus obskures Fundstück Grindhousekino. ROLLERBABIES ist eine der frühesten Sci-Fi-Erotica-Parodien der 70er Jahre. In einer dystopischen Zukunft ist Geschlechtsverkehr aufgrund von Überbevölkerung verboten. Die Menschen müssen anti-aphrodisierende Pillen einnehmen, um ihre sexuellen Triebe zu unterdrücken. Nur lizenzierten Darsteller:innen ist es erlaubt, in Live-Fernsehübertragungen sexuelle Handlungen als Hilfsmittel zur Masturbation zu vollziehen.
Um seine Karriere zu retten, kommt der einfallsreiche TV-Manager Sherman Frobish auf eine gewagte Idee: Er veranstaltet einen Live-TV-Wettbewerb, bei dem die Teilnehmer:innen auf Rollschuhen sexuelle Aktivitäten ausüben.
| Fr 13 Sept | Milieu Kino im Rabet Park |
| 16:00 Uhr | € Auf Spendenbasis |
Hommage | RAINER KOMERS
KOBE







DE/JP 2006, R: Rainer Komers, 45‘, Dok, ohne Dialog, 35mm
MA’RIB




DE/YE 2007, R: Rainer Komers, 30‘, Dok, ohne Dialog, 35mm
Film und Poesie, Bild und Ton, Stillstand und Rhythmus, Natur und Mensch: In KOBE gibt Rainer Komers in filigranen Licht- und Farbstimmungen sanfte Einblicke in die japanische Hafenmetropole gleichen Namens. Häufig von wiederkehrenden Klängen ausgehend, breitet sich ein Teppich voller kleiner Vignetten aus dem Alltag der Stadt vor uns aus. Der Film gleitet vom idyllischen Gartenteich zum Frachthafen hinüber, zeigt uns hektische Spielotheken und Fischauktionen genauso wie transzendente Entschleunigung im Tempel. Ebenso wie der zweite Film MA’RIB, wiederum ein Porträt von Mensch und Landschaft in und um die titelgebende jemenitische Antikenstadt, ist KOBE ein kurzer bis mittellanger Analogfilm, der es ganz uns überlässt, was wir bei seinen Assoziationsmontagen denken und fühlen wollen. Ein Kino, das Frederick Wisemans Städteporträts ähnelt.
Begleitet wird das Filmdoppel von Komers‘ Lesung eigener Gedichte, die in Analogie zur vorgestellten Filmpoesie eine Art filmische Poesie mitteilen: „Momentaufnahmen, Snapshots, werden als impressionistische Miniaturen gefasst, lauter Beobachtungen, die durch das Ich hindurchgehen und sich wort-/zeilenweise niederschlagen. Im Vordergrund steht die Aufmerksamkeit (…) für das tägliche Geschehen. (…) [E]mpfindlich registrieren sie Zeitläufe, verwandeln sie in poetische Konstruktionen.“ (Andreas Elb)
| Do 12. Sept | Luru Kino in der Spinnerei |
| 21:00 Uhr | In Anwesenheit von Rainer Komers € 7 (6 ermäßigt) |
Hommage | RAINER KOMERS
BARSTOW, CALIFORNIA









DE/US 2018, R: Rainer Komers, 76’, Dok, OmU, DCP
NOME ROAD SYSTEM








DE/US 2004, R: Rainer Komers, 26’, Dok, ohne Dialog, 35mm
Zwei Filme, die sich mit dem Filmblick eines Fremden US-amerikanischen Weiten widmen: In BARSTOW, CALIFORNIA porträtiert Rainer Komers die titelgebende Kleinstadt sowie Heimatort des schwarzen Dichters Spoon Jackson. Aus dem Off erklingt seine Stimme, aufgenommen im State Prison, denn Spoon verbüßt eine lebenslange Haftstrafe. Was das bedeute, habe er erst nach gut zehn Jahren realisiert, so ein Satz aus seiner wuchtigen Autobiographie, die oftmals über Landschaftstotalen der Wüstenregion gelegt ist. Manche seiner 14 Brüder leben noch dort, zeigen uns Orte von früher, ihr Elternhaus, das sich nur noch im Wüstenboden erahnen lässt. Sowieso ist Barstow mehr eine Stadt der geisterhaft unabgeschlossenen Vergangenheit als der Gegenwart – sieht man einmal vom geschäftigen Militärkomplex Fort Irwin ab. Und so kreist Spoon im verlesenen Text um seine Kindheit, die kurze Momente des Glücks, aber doch viel Gewalt enthielt. Reine Gegenwart ist für ihn die Gefängniszelle, die ihn zur Dichtung brachte, für die er in seinen Versen einen unprätentiös poetischen, in seiner Plastizität filmischen Ausdruck fand.
Wo in BARSTOW, CALIFORNIA die Sprache omnipräsent ist, fehlt sie im Kurzfilm NOME ROAD SYSTEM völlig. Ohne verbale Einordnung zieht eine Collage an filmischen Eindrücken, die Komers im ländlichen Alaska gewann, über die Leinwand. Tierausweidungen, Schlittenhunde, Picknicks, Nu Metal-Kids vor einer Kirche, immer wieder Transportwege.
| Do 12. Sept | Luru Kino in der Spinnerei |
| 19:00 Uhr | In Anwesenheit von Rainer Komers € 7 (6 ermäßigt) |