Hommage | RAINER KOMERS
BARSTOW, CALIFORNIA









DE/US 2018, R: Rainer Komers, 76’, Dok, OmU, DCP
NOME ROAD SYSTEM








DE/US 2004, R: Rainer Komers, 26’, Dok, ohne Dialog, 35mm
Zwei Filme, die sich mit dem Filmblick eines Fremden US-amerikanischen Weiten widmen: In BARSTOW, CALIFORNIA porträtiert Rainer Komers die titelgebende Kleinstadt sowie Heimatort des schwarzen Dichters Spoon Jackson. Aus dem Off erklingt seine Stimme, aufgenommen im State Prison, denn Spoon verbüßt eine lebenslange Haftstrafe. Was das bedeute, habe er erst nach gut zehn Jahren realisiert, so ein Satz aus seiner wuchtigen Autobiographie, die oftmals über Landschaftstotalen der Wüstenregion gelegt ist. Manche seiner 14 Brüder leben noch dort, zeigen uns Orte von früher, ihr Elternhaus, das sich nur noch im Wüstenboden erahnen lässt. Sowieso ist Barstow mehr eine Stadt der geisterhaft unabgeschlossenen Vergangenheit als der Gegenwart – sieht man einmal vom geschäftigen Militärkomplex Fort Irwin ab. Und so kreist Spoon im verlesenen Text um seine Kindheit, die kurze Momente des Glücks, aber doch viel Gewalt enthielt. Reine Gegenwart ist für ihn die Gefängniszelle, die ihn zur Dichtung brachte, für die er in seinen Versen einen unprätentiös poetischen, in seiner Plastizität filmischen Ausdruck fand.
Wo in BARSTOW, CALIFORNIA die Sprache omnipräsent ist, fehlt sie im Kurzfilm NOME ROAD SYSTEM völlig. Ohne verbale Einordnung zieht eine Collage an filmischen Eindrücken, die Komers im ländlichen Alaska gewann, über die Leinwand. Tierausweidungen, Schlittenhunde, Picknicks, Nu Metal-Kids vor einer Kirche, immer wieder Transportwege.
| Do 12. Sept | Luru Kino in der Spinnerei |
| 19:00 Uhr | In Anwesenheit von Rainer Komers € 7 (6 ermäßigt) |
Special | MILIEU-KINO




US 1978, R: George Gage, D: Allen Garfield, Kathleen Lloyd, Leif Garrett, 97’, engl. OV, 35mm
Von Skateboards und Rollschuhen
Am 12.09. dann SKATEBOARD: ein Film, der der Schwerkraft trotzt und die aufblühende Skateboarding-Kultur der 70er Jahre einfängt. Sonnendurchflutete und dynamisch gefilmte Bilder aus Südkalifornien und Arizona zeigen Rollen auf allen möglichen Untergründen, von leeren Swimming Pools bis hin zu Abwasserkanälen. Dabei ist die Komödie SKATEBOARD der erste Major Studio Film, der sich dem Thema widmet: Manny Bloom, ein finanziell angeschlagener Manager, stellt ein Skateboard-Team zusammen, um an einem großen Wettbewerb teilzunehmen. Er rekrutiert talentierte Jugendliche wie den charismatischen Jason, die ehrgeizige Chrissie und den unberechenbaren Johnny. Der Film erzählt von individuellen Kämpfen und das Zusammenwachsen als Team. Mit atemberaubenden Skateboarding-Stunts und der Darstellung des rebellischen Geistes dieser Ära bietet SKATEBOARD einen Blick auf die Ursprünge dieses sympathischen Sports.
| Do 12 Sept | Milieu Kino im Rabet Park |
| 16:00 Uhr | € Auf Spendenbasis |





IR/DE 2023, R: Ali Ahmadzadeh, D: Amir Pousti, Shirin Abedinirad, Maryam Sadeghiyan, 99′, OmeU, DCP
Amir ist Kurier. Seine Fracht, die er mit dem ihn stets anweisenden Navi durch die nächtlichen Straßenkaskaden von Teheran fährt, würde ihm bei einer Polizeikontrolle die Todesstrafe einbringen. Amir geht seinem Geschäft trotzdem nach, beliefert den Kiosk auf der Ausfahrtsstraße ebenso wie die Sexarbeiter:innen unter der Autobahnbrücke. Die Wohnung teilt er mit einem Hund, dem er nach dem Essen das Maul zuhält, damit der seine Medizin herunterschluckt. Gegen Ende des Films wird Amir mit einem jungen Abhängigen im Zustand des Cold Turkey das Gleiche tun. Die Menschen in der kritischen Zone, zu der dieses wunderschöne Land in der Geiselhaft der Mullahs verkommen ist, müssen tagtäglich bittere Pillen schlucken. CRITICAL ZONE erzählt von den prekären Verhältnissen und den kleinen Momenten des Aufbäumens: Seien es Hasch-Brownies im Altersheim oder Koks-induzierte Ausbrüche durchs offene Autofenster, zwischen Jubel und Wut, ohne Hijab, wenn die Handlanger des Systems endlich abgeschüttelt wurden. Der Gewinner des Hauptpreises beim letztjährigen Locarno Filmfestival ist eine filmische Widerstandsgeste par excellence, trotz Betätigungsverbot für Regisseur Ali Ahmadzadeh mit hoher Kreativität und einem Sinn für formale Raffinessen realisiert.
| Mi 11. Sept | Luru Kino in der Spinnerei |
| 21:30 Uhr | € 7 (6 ermäßigt) |
Homage | RAINER KOMERS
Das Triple steht exemplarisch für zwei Aspekte von Rainer Komers‘ Dokumentarfilmschaffen: Mit dem Ruhrgebiet thematisieren sie eine Region und zugleich deren Lokalgeschichte, die der Filmemacher und Wahl-Mülheimer immer wieder umkreiste. Zum anderen stehen sie für die Vielseitigkeit seines Oeuvres, das sich keiner Dokumentarfilmschule verpflichtet fühlt, sondern vom filmischen Gegenstand aus eine adäquate Form findet. Der mit kleinstem Budget schwarzweiß gedrehte ZIGEUENER IN DUISBURG ist Komers‘ erster wichtiger Kurzfilm. Auf einen für ihre Bedürfnisse viel zu kleinen Stellplatz berichten zwangsumgesiedelte Sinti und Roma dem Filmteam von den alltäglichen Anfeindungen und Gängelungen, denen sie ausgesetzt sind; die Erzählungen von Antonia und Maria Mettbach, beide im Nationalsozialismus verfolgt, gehen unter die Haut. Ein düsteres Stück Gegenwart, das von Komers in eine nüchtern, stets jedoch Anteil nehmende Form gebracht wurde.
Der gut zwei Dekaden später entstandene EIN SCHLOSS FÜR ALLE ist demgegenüber regelrecht heiter. Das Leben einiger Senior:innen im Mülheimer Arbeiterviertel Styrum wird herzig, wortlastig und mit unmittelbarem Kamerablick eingefangen. Ganz anders die Erzählweise von B 224, der entlang der titelgebenden Schnellstraße präzis kadrierte, oft statische Alltags- und Arbeitsszenen kompiliert – eine Ruhr-„Sinfonie“.
B 224








DE 1999, R: Rainer Komers, 23‘, Dok, ohne Dialog, 35mm
ZIGEUNER IN DUISBURG









DE 1980, R: Rainer Komers, 37‘, Dok, OmeU, DCP
EIN SCHLOSS FÜR ALLE






DE 1997, R: Rainer Komers, 44‘, Dok, DF, File
| Mi 11. Sept | Luru Kino in der Spinnerei |
| 19:00 Uhr | In Anwesenheit von Rainer Komers € 7 (6 ermäßigt) |
Hommage | RAINER KOMERS











Hommage an den Dokumentaristen Rainer Komers
Rainer Komers (*1944) ist ein deutscher Dokumentarist, Kameramann, Grafiker und Schriftsteller, dessen präzise gestalteten wie auch behutsam erzählten Kurz- und Langdokumentarfilme auf breite Entdeckung jenseits eines Fachpublikums warten. Komers dreht meist „Reiseberichte“, bei denen er sich mit wachem, aus gewisser Distanz angestellten, oft auch kritischem Blick den Mentalitäten, Lebens- und Alltagsräumen von Menschen annimmt, deren Kultur nicht die seine ist. Sein Kino ist eins der aufgeschnappten Sprechweisen und Rhythmen. Es ist ein leises, unaufgeregtes Kino, das durch die Verweigerung klassischer Reportage-Modi, wie etwa kontextualisierende Einordnungen des Gesehenen, auch als „Gegenkino“ bezeichnet werden könnte – ohne dabei kämpferisch aufzutreten.
Die Filme lassen bewusst Nicht-Verstehen zu – sie suggerieren nicht, dass man sich als Außenstehende:r an fremden Orten ein vollständiges Bild von dessen Eigenart machen könne. Komers macht Film-Mosaike. Bewegen sie sich einmal in vertrautem Terrain, hat man nicht den Eindruck, dass es um den Filmemacher selbst geht: die Porträtierten sind aktiver Teil des Geschehens. Ein Gefühl für „Land und Leute“ setzt sich in ihnen stückweise zusammen; Komers interessiert das Kleine, die Detailansichten, ebenso wie das darin aufscheinende Ganze – die Totale.
Komers wurde 1944 im brandenburgischen Guben geboren. An der Düsseldorfer Kunstakademie studierte er im Anschluss an die Tätigkeit als Druckgrafiker Film und dreht seit den späten 1970er Jahren zahlreiche Dokumentarfilme. Bereits 1980 wurde sein mittellanger, sich kritisch mit der zeitgenössischen Lebenssituation von Sinti und Roma beschäftigender Film ZIGEUNER IN DUISBURG mit dem Preis der Deutschen Filmkritik bedacht. Es folgten, um nur einige Auszeichnungen zu nennen, der Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft im Jahre 2006 oder 2019 der ARTE-Dokumentarfilmpreis auf der Duisburger Filmwoche für sein abendfüllendes Landschafts-, Stadt- und Künstlerporträt BARSTOW, CALIFORNIA. Neben gut 30 eigenen Regiearbeiten, bei denen er stets sein eigener Kameramann ist, ist Komers auch als Bildgestalter bis heute mit dem Werk des bedeutenden deutschen Dokumentarfilmers Peter Nestler (*1937) eng verbunden.
Die Hommage möchte der Vielfalt von Komers‘ Œuvre in drei Programmen Tribut zollen. Unterschiedliche Formen seiner erwähnten „Reiseberichte“ werden ebenso präsentiert wie ein konzentrierter Blick auf die ihm so vertraute Region des Ruhrgebiets, ein Landstrich der Umbrüche, Mythen und Missstände. Wir freuen uns sehr, dass Rainer Komers bei allen Programmen anwesend ist und dass er uns die auf analogem Material produzierten Filme unserer Auswahl größtenteils auf ebensolchen historischen Filmkopien zur Verfügung stellt. Zudem bieten wir euch einen Einblick in sein künstlerisches Werk jenseits des Films: Zum dritten Termin der Hommage liest Komers eine Auswahl seiner Gedichte, dazu hängen im Luru Kino Siebdruckplakate, die er in den 1960er und 70er Jahren gestaltet hat und die mittlerweile ihren Weg ins Museum gefunden haben.
| 11.09.24 Luru Kino | |
| 19:00 Uhr | B 224 DE 1999, R: Rainer Komers, 23‘, Dok, ohne Dialog, 35mm ZIGEUNER IN DUISBURG DE 1980, R: Rainer Komers, 37‘, Dok, OmeU, DCP EIN SCHLOSS FÜR ALLE DE 1997, R: Rainer Komers, 44‘, Dok, DF, File In Anwesenheit von Rainer Komers |
| 12.09.24 Luru Kino | |
| 19:00 Uhr | BARSTOW, CALIFORNIA DE/US 2018, R: Rainer Komers, 76’, Dok, OmU, DCP NOME ROAD SYSTEM DE/US 2004, R: Rainer Komers, 26’, Dok, ohne Dialog, 35mm In Anwesenheit von Rainer Komers |
| 21:00 Uhr | Rainer Komers liest eine Auswahl seiner Gedichte KOBE DE/JP 2006, R: Rainer Komers, 45‘, Dok, ohne Dialog, 35mm MA’RIB DE/YE 2007, R: Rainer Komers, 30‘, Dok, ohne Dialog, 35mm In Anwesenheit von Rainer Komers |