ZUR SPRACHE KOMMEN | Die schnörkellos humanen Dokumentarfilme von Nurith Aviv

ZUR SPRACHE KOMMEN | Die schnörkellos humanen Dokumentarfilme von Nurith Aviv

Nurith Avivs Dokumentarkino wählt die denkbar schnörkelloseste Form, lässt Menschen in statischen Halbtotalen sprechen. Das ist im zeitgenössischen Dokumentarfilm keineswegs „in“. Während viele essayistische Arbeiten ihre Reflexionen über Kommentar, Montage und Bild-Ton-Scheren entfalten, vertraut Aviv auf die Kraft des Gesprächs, auf verbalisierende Körper. Ihre Kamera schaut bedächtig – und hört zu. In ruhig statischen Einstellungen lässt sie Sprache Ereignis werden – als Trägerin von Erinnerung, Geschichte und Identität.

Die 1945 in Israel geborene, seit den 1970er Jahren in Paris lebende Filmemacherin ist die erste ausgebildete Kamerafrau Frankreichs, vielleicht gar der Welt, wie sie selbst vorsichtig sagt. Nach enger Zusammenarbeit mit Regisseurinnen wie Agnès Varda oder Ruth Beckermann entwickelte sie ein eigenes dokumentarisches Werk, das sich konsequent den Aus- und kulturellen Abdrücken von Sprache in all ihren Facetten annimmt. Ob die Leerstellen jüdischen Lebens und Sprache im Nachkriegsdeutschland (VATERS LAND), die Suche nach einer neuen Sprachheimat in D’UNE LANGUE À L’AUTRE, die Geschichten von Vornamen in PRÉNOMS, Gebärdensprachen in SIGNER oder das stumme Blicken in SON PORTRAIT, MON PORTRAIT: Aviv interessiert sich stets für Menschen, die etwas zur Sprache bringen. Gerade in ihrer formalen Einfachheit entfaltet ihr Kino eine Form von Radikalität – ein leises GEGENkino.

So 13 September 2026
Schaubühne Lindenfels
21:00 UhrVATERS LAND
FR/DE 2002, R: Nurith Aviv, 30’, OmeU, DCP
D’UNE LANGUE À L’AUTRE
FR/DE/IL 2004, R: Nurith Aviv, 55’, OmeU, DCP
Mo 14 September 2026
Schaubühne Lindenfels
21:00 UhrSIGNER
FR/IL 2018, R: Nurith Aviv, 60’, OmeU, DCP
SON PORTRAIT, MON PORTRAIT
FR 2026, R: Nurith Aviv, 15’, ohne Dialog, DCP
Di 15 September 2026
Schaubühne Lindenfels
21:00 UhrPRÉNOMS / GIVEN NAMES
FR 2026, R: Nurith Aviv, 82’, OmeU, DCP

13.09.26 | ZWISCHEN WELTEN – FILME VON EWELINA ROSINSKA

KURZFILMROLLE

PEDRAS INSTÁVEIS / UNSTABLE ROCKS

DE/PL 2024, R: Ewelina Rosinska, 25′, DCP

Landschaften ziehen in raschem Rhythmus vorbei, zerklüftete Küsten erscheinen in grobkörnigem Schwarzweiß, Stimmen, Tierlaute, Geräusche, Musiken lösen sich von den Bildern, während dazwischen stille Momente des Alltags aufscheinen: ein üppiger Garten, eine Kaffeetasse in der Sonne, eine religiöse Prozession, irgendwo in der portugiesischen Provinz. Mit UNSTABLE ROCKS verdichtet Ewelina Rosinska disparaten Eindrücke zu einem kontemplativen Natur- und Kultur-Porträt ihrer Wahlheimat Portugal, in dem Erinnerung und Wahrnehmung ineinanderfließen. 

Die 1987 in Polen geborene Filmemacherin studierte Kunstgeschichte in Krakau und Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb). Seit einigen Jahren arbeitet sie überwiegend mit einer analogen 16mm-Bolexkamera, filmt Unterschiedlichstes – und fügt es zu komplexen, musikalischen Montagearbeiten zusammen. Aus Aufnahmen, die zwischen Polen, Deutschland und Portugal hin und her pendeln, formt sie ein Kino der Assoziationen, Stimmungen, emotionalen Blicke: nicht narrativ, sondern von Rhythmen, Texturen und Erinnerungen getragen. 

POPIÓŁ IMIENIEM JEST CZŁOWIEKA / ASHES BY NAME IS MAN

DE 2023, R: Ewelina Rosinska, 20′, DCP

Mit ASHES BY NAME IS MAN richtet Rosinska den Blick auf Polen statt auf Portugal. Wie alle ihrer Filme ist es eine Art Diary Film, aber doch nicht so, wie man es üblicherweise kennt. Aus autobiografischen Momenten, Landschaftsbeobachtungen und religiösen Ritualen entsteht ein Bilderstrom, in dem sich nationale Geschichte und katholischer Glaube auf und unterhalb der Bildoberfläche einnisten.

Z ZIEMIĄ W BUZI / EARTH IN THE MOUTH

PL/DE 2020, R: Ewelina Rosinska, 20′, DCP

EARTH IN THE MOUTH verdichtet dagegen Eindrücke aus Deutschland, Polen, Portugal, Brasilien und Griechenland zu einem Filmfotoalbum über das von Rückkehr und Ankunft durchflochtene Leben zwischen Ländern, Reisen und Freundschaften.

Mit dem Programm zu Ewelina Rosinska spinnt das GEGENkino mehrere Fäden fort, das es von Beginn an umtreibt: Im regulären Kino unterrepräsentierte Kurzfilme eine Bühne zu geben sowie bedeutenden Positionen des nicht klassisch narrativen Kinos vorzustellen. Rosinskas Arbeiten docken dabei schön an frühere Programme, etwa zu Rose Lowder an, eine Filmemacherin, die ihr in ihrer Verzahnung von Privatem und Sublimen nah scheint. Wir freuen uns, dass Rosinska persönlich anwesend ist.

So 13 September 2026Schaubühne Lindenfels
19:00 UhrIn Anwesenheit von Ewelina Rosinska
€ 7,50 (6,50 ermäßigt)

13.09.26 | Frauen in Berlin

POOR IMAGES

DDR 1981, R: Chetna Vora, 142‘, OmeU, DCP

Für ihren Diplomfilm interviewte die indische Regiestudentin Chetna Vora insgesamt 14 Frauen aus unterschiedlichen sozialen Milieus über deren Lebensrealitäten in Ost-Berlin. Klandestin, häufig in privaten Wohnungen und von Kameramann Thomas Plenert in reduziertem Stil gefilmt sprechen die Frauen im Alter von 11 bis 83 Jahren offen, ungehindert und auf Augenhöhe mit der Regisseurin über dauerhafte Partnerschaft, Affären, Scheidung, gleichgeschlechtliche Beziehungen, Wohnen, Beruf, Muttersein und vieles mehr. Neben privatem und gesellschaftlichem Alltag kommen spätestens mit der Frage nach Glück und Desillusion auch die Grenzen des politische Systems und seiner Fortschrittsversprechen zur Sprache.

Der Entstehungskontext von FRAUEN IN BERLIN – ein Akt institutioneller Gewalt – hat sich in die materielle Überlieferung des Films eingeschrieben. Chetna Voras Alma Mater, die Hochschule für Film und Fernsehen der DDR, verlangte die radikale Kürzung des Films auf 30 Minuten Laufzeit. Nachdem Vora sich weigerte, zwang sie die Hochschule zum Abbruch und konfiszierte das Material. Erhalten geblieben ist eine heimlich hergestellte Kopie des eigenmächtig entwendeten Rohschnittmaterials, dessen digital restaurierte Fassung wir zeigen.

Mo 13 September 2026Schaubühne Lindenfels
15:00 UhrEinführung von Tobias Hering. Er ist Kurator sowie Publizist und hat in einer Langzeitrecherche zu Chetna Vora gearbeitet.
€ 7,50 (6,50 ermäßigt)

12.09.26 | GHOST IN THE CELL (ID/KR 2026, Joko Anwar)

ID/KR 2026, R: Joko Anwar, D: Abimana Aryasatya, Endy Arfian, Bront Palarae, 107‘, OmeU, DCP

Im berüchtigten indonesischen Hochsicherheitsgefängnis Labuan Angsana herrschen Gewalt, Korruption und Unterdrückung. Verfeindete Banden kämpfen ums Überleben, während sadistische Wärter ein Willkürregime führen. Als mit Dimas ein neuer Gefangener eingeliefert wird, beginnt eine grausame Mordserie: Eine unsichtbare, übernatürliche Macht richtet die Insassen auf ebenso brutale wie makabre Weise hin. Ausgerechnet die rivalisierenden Häftlinge müssen sich nun zusammenschließen, um dem blutsprudelnden Spuk zu entkommen. Schnell wird klar, dass der Geist nicht wahllos tötet, sondern einem verstörend moralischem Prinzip folgt.

Mit GHOST IN THE CELL legt Joko Anwar einen rasanten Gefängnis-Nervenkitzler vor, der Splatter, detaillierte Wundinszenierungen, Martial Arts und schwarzen Humor zu einem originellen Genrebeitrag zusammenbringt. Hinter den exzessiven Schockeffekten und grotesken Set-Pieces verbirgt sich zugleich scharfe Kritik an einem System, das von Grausamkeit und Machtmissbrauch geprägt ist. Das soziale Innensystem des Gefängnisses reproduziert die Machtverhältnisse der äußeren Realität…Mauern ohne Ausgang!  

Sa 12 September 2026Luru Kino
22:00 Uhr€ 7,50 (6,50 ermäßigt)

12.09.26 | MIT HASAN IN GAZA

POOR IMAGES | Kamal Aljafari

PS/DE/FR/QA 2025, R: Kamal Aljafari, 106’, OmeU, DCP

Im Jahr 2001 reist Kamal Aljafari nach Gaza auf der Suche nach einem ehemaligen Inhaftierten, zu dem er den Kontakt verloren hat. Gemeinsam mit seinem Begleiter Hasan durchquert er den Gazastreifen von Norden nach Süden: Städte, Straßen und Landschaften, Märkte und die Küste. Mit seiner Kamera hält er beiläufige Begegnungen, Gespräche und Momente des alltäglichen Lebens fest – ohne die Absicht, daraus einen Film zu machen.

Die Suche bleibt erfolglos. Zurück in Köln legt Aljafari die drei MiniDV-Kassetten beiseite und sichtet das Material erst viele Jahre später wieder. Aus dieser vergessenen Aufnahme entsteht MIT HASAN IN GAZA: eine filmische Meditation über Erinnerung, Verlust und die unwiederbringliche Veränderung von Orten und Menschen. Die Bilder werden zu Spuren einer vergangenen Gegenwart. Jede Begegnung trägt die Frage in sich, was aus den Menschen geworden ist, die hier sichtbar werden, und wie sich ein Ort durch die Zeit verändert. Aljafari bewahrt mit seinem Film nicht nur persönliche Erinnerungen, sondern auch ein Stück eines Alltags, der heute in dieser Form nicht mehr existiert.

Sa 12 September 2026Luru Kino
18:00 UhrIn Anwesenheit von Flavia Mazzarino (Produzentin und Mitarbeiterin von Kamal Aljafari)
€ 7,50 (6,50 ermäßigt)