ES/FR/TR 2021, R: Chema García Ibarra, D: Llum Arques, Nacho Fernández, Rocío Ibáñez, 97’, OmeU, DCP
In der spanischen Ortschaft Elche ist das Mädchen Vanessa spurlos verschwunden. Während die Mutter Charo in lokalen Nachrichtensendern oder bei der Großmutter Carmina, die einst eine bekannte Hellseherin war, um Hilfe bittet, sehen wir Vanessas Onkel José Manuel mit seiner Ufologie-Gruppe. Nach dem plötzlichen Tod deren Anführers plant er dessen haarsträubenden Masterplan selbst zu verwirklichen.
Chema García Ibarras Langfilm-Debüt THE SACRED SPIRIT wurde auf 16mm mit Laiendarsteller:innen aus der Gegend gedreht, welche mit einer unglaublich starken Präsenz spielen. Trotz der Aufregung um das Verschwinden des Kindes herrscht eine unheimlich-ruhige Stimmung, die immer wieder ins Skurrile rutscht. Die Ortschaft scheint geradezu statuenhaft, was durch die klare, farbenfrohe und detailverliebte Bildsprache noch weiter überspitzt wird: Perfekt quadrierte Bilder lassen Orte, Menschen und Situationen wie kurze Bühnenstücke tragikomisch inszeniert wirken. In THE SACRED SPIRIT begegnet Ibarra einer beunruhigenden Geschichte mit einer amüsierten, aber auch abrechnenden Tonalität, die ein flirrendes Unbehagen auslöst. „Wisst ihr, das hier ist eines der wenigen guten Dinge, die ich im Leben habe. Eines der wenigen Dinge, die mir Hoffnung geben.“, spricht eines der Mitglieder zu seinen Ufo-Freund:innen, die sich in der Wüste mit kleinen Dreiecks-Häuschen auf eine Ankunft der Außerirdischen vorbereiten. „Selbst wenn heute Abend nichts passiert, wird nach dem heutigen Tag alles anders sein.“
| Fr 16 Sept | Schaubühne Lindenfels |
| 22:00 Uhr | regulär: 6,5€ / reduziert 5,5€ |
FR/IN 2021, R: Payal Kapadia, Dok, 96′, OmeU, DCP
„Eisenstein, Pudovkin! We shall fight, we shall win!“ skandieren Studierende der staatlichen Filmhochschule von Pune, deren Demonstration sich gegen die Ernennung eines rechts-konservativen Schauspielers zum neuen Dekan richtet. Wut und Wille zum Widerstand haben sich bereits zuvor und an anderen links-liberalen Orten in Indien aufgebaut – wegen der Politik der hindu-nationalistischen Regierungspartei BJP, die religiöse Minderheiten, Frauen und Dalit systematisch schlechter stellt. Während Regierungstruppen die Protestierenden mit drastischer Gewalt überziehen, solidarisieren sich diese und fragen, welche Haltung sie angesichts von Diskriminierung und Unrecht einnehmen sollen.
Die Konflikte, an denen Teile der Gesellschaft zerreißen, schildert Regisseurin Payal Kapadia, die zur Zeit des Drehs selbst an der Filmhochschule studiert hat, auch im Kleinen, und zwar aus der Perspektive der Liebenden L., die ihren – einer anderen Kaste angehörigen – Lover nur über Briefe erreicht. Neben die sehnsüchtigen Nachrichten von L. treten in A NIGHT OF KNOWING NOTHING meist monochrome, selbst gedrehte Bilder, die mit Material aus Fernsehbeiträgen und von Überwachungskameras sowie Handgezeichnetem poetisch verschränkt werden. Die Körnigkeit und historische Anmutung der Bildebene drücke allerdings keine Rückwärtsgewandtheit aus: „It is a nostalgia for the present – our current times that have forced many of us to respond to the circumstances around us. Maybe it is a nostalgia for the romantic idea of being young and conscientious – to fight for a more fair and equal society.“ (P. Kapadia)
| Fr 16 Sept | Schaubühne Lindenfels |
| 20:00 Uhr | regulär: 6,5€ / reduziert 5,5€ |
BRD 1977, R: Helga Reidemeister, Eduard Gernart, in Zusammenarbeit mit Familie Bruder, Dok, 84′, OmeU, DCP
Irene und Günter Bruder leben mit vier Kindern im Märkischen Viertel im Norden Berlins, einem Neubaubezirk mit 17.000 Wohneinheiten errichtet für bis zu 50.000 Menschen. Die Familienmitglieder zeigen ihren Alltag: wie sie wohnen, ihren Haushalt führen und zum Teil zwanghaft sauber halten, kochen, arbeiten gehen. Sie tragen zahlreiche Konflikte vor der Kamera aus, schreien sich an und reden mit Reidemeister über Schwierigkeiten und Ängste, etwa vor der Weitergabe des sozialen Status an die nächste Generation. Das fünfte und älteste Kind Michael, vor Jahren in die Obhut einer Erziehungsanstaltshölle gegeben, kommt ebenfalls zu Wort.
Die Bruders, die Reidemeister im Rahmen ihrer Stadtteil- und Sozialarbeit kennen lernte, waren aktiv an der Mitgestaltung des Films beteiligt. Einige Ausschnitte des Super 8-Materials, das sie seit Ende der 60er Jahren gedreht haben, sind im Film enthalten. Irene Bruder: „Für uns war wichtig, nicht einen Film zu drehen, der die Schokoladenseite einer Familie zeigt, sondern wie kleine, scheinbar banale Situationen im Alltag eines Arbeiters die Familie, Wünsche und Hoffnung zermürben. Für uns war nicht nur wichtig uns darzustellen, sondern durch uns auch anderen ihre Lage zu zeigen und sich nicht entmutigen zu lassen.“
| Do 15 Sept | Luru Kino in der Spinnerei |
| 21:00 Uhr | Mit einer Einführung von Madeleine Bernstorff regulär: 6,5€ / reduziert 5,5€ Doppelticket mit ES STIRBT ALLERDINGS EIN JEDER…. (HOLGER MEINS) & FILMTAGEBÜCHER 1975 – 1985 € 11 / 9€ erm. |
Es beginnt mit einer stummen Montage von Fotografien eines (noch) nicht benannten Mannes, eine schwarzweiße Chronik seines Lebens vom Kleinkind- bis ins Erwachsenenalter. Im Anschluss an diesen Prolog interviewt Renate Sami bei ihrer ersten Regiearbeit ES STIRBT ALLERDINGS EIN JEDER… Weggefährt:innen von Holger Meins (1941-1974), die zusammen mit ihm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) studiert und gearbeitet haben. Die Erzählungen seiner Kommiliton:innen – unter ihnen Ulrike Edschmid, Hartmut Bitomsky und Harun Farocki – setzen dabei Stück für Stück das Bild eines Mannes zusammen, der versuchte, ästhetische und politische Anliegen radikal zu verbinden, und letztlich keine Möglichkeit mehr sah, seine politischen Ziele mit den Mitteln des Films zu erreichen.
| Do 15 Sept | Luru Kino in der Spinnerei |
| 19:00 Uhr | regulär: 6,5€ / reduziert 5,5€ Doppelticket mit DER GEKAUFTE TRAUM € 11 / 9€ erm. |
ES STIRBT ALLERDINGS EIN JEDER, FRAGT SICH NUR WIE UND WIE DU GELEBT HAST (HOLGER MEINS)
BRD 1976, R: Renate Sami, 51′, OV, 16mm
FILMTAGEBÜCHER 1975-1985 (STREIFZÜGE)
DE 2005, R: Renate Sami, 32′, OV, MiniDV
„Mehrere Porträts von Freunden, Frauen und Männern, der Polnische Markt am Potsdamer Platz, die Mauer, ein Picknick im Park, unterwegs in Italien, Turin im Winter, ein Gedicht von Cesare Pavese.“ So fasst Renate Sami ihre intime, auf Super8 gedrehte Studie FILMTAGEBÜCHER 1975-1985 zusammen, die wie der Beginn ihres Holger-Meins-Films still bleibt, nur hie und da von kurzen Musikstücken unterstützt wird.
DE 1992, R: Johann Feindt & Tamara Trampe, Dok, 95′, OmeU, DCP
„Den schwarzen Kasten eines Menschen aufzubrechen“, so formuliert Jochen Girke eine seiner ehemaligen Aufgaben als Psychologe bei der Staatssicherheit der DDR. Die Black Box als kybernetischen Modell bedeutet, dass alles, was untersucht wird, als ein System betrachtet wird. Der schwarze Kasten besitzt einen Eingang, in den Informationen kommen und verarbeitet werden, um das Verhalten auf Basis der Informationen an die Umwelten anzupassen – jedoch bleibt die Box an sich undurchsichtig. Wir sehen nur, was herauskommt. Ihr Innenleben bleibt im Dunkeln. In dem filmischen Psychogramm DER SCHWARZE KASTEN unternimmt Tamara Trampe zusammen mit Johann Feindt Versuche zu Jochen Girke vorzudringen. Den Bildausschnitt eng gewählt, sitzen wir dicht an dicht mit ihm, ihr und unbequemen Fragen in einem angespannten Raum – ein Abtasten.
Wir hören auch Stimmen aus Girkes persönlichem Umfeld, lernen seine Mutter, seine Ehefrau und weitere Personen kennen. Beim Sprechen-Über muss Trampe immer wieder durch Girkes verbeamtete Sprache hindurchbrechen. Die Regisseurin möchte es wissen: Wie bist du zu der Person geworden, die jetzt vor mir sitzt? Aus persönlichen Fragen leiten sich gesellschaftliche ab. Wie geht das, wie wird die Gewissensinstanz einer ganzen Gesellschaft zerstört? Eine Abbildung des Nicht-Aufgeben-Wollens, des Weiter-Nachfragens. Und womöglich des Scheiterns daran? DER SCHWARZE KASTEN ist einer der ersten Dokumentarfilme aus der Zeit nach der DDR, der sich der Thematik der Aufarbeitung zuwendet.
| Mi 14 Sept | UT Connewitz |
| 21:00 Uhr | regulär: 6,5€ / reduziert 5,5€ Doppelticket mit GOTTESZELL – EIN FRAUENGEFÄNGNIS € 11 / 9 erm. |






















