16.09.26 | SZENARIO (DE 2026, Marie Wilke)

DE, 2026, R: Marie Wilke, 91‘, OmeU, DCP

Europas größte militärische Übungsstadt Schnöggersburg in Sachsen-Anhalt existiert nur für das Manöver. In dieser Kulisse aus Betonhäusern, Straßen und sterilen Plätzen beobachtet Marie Wilkes Dokumentarfilm SZENARIO den Alltag der Bundeswehr beim Einüben des urbanen Häuserkampfes. Statt auf eine narrative Zuspitzung setzt die Regisseurin auf eine distanzierte, analytische Beobachtung, die den Blick ganz auf die Mechanismen dieser künstlichen Übungswelt lenkt.
Die statischen, nüchternen Bilder von Kameramann Alexander Gheorghiu dokumentieren eine simulierte Realität: Rekrutinnen und Rekruten bewegen sich mit routinierten Gesten durch eine Geisterstadt, schießen auf unsichtbare Gegner:innen, bergen aufwendig geschminkte Verwundete und absolvieren Schulungen. Auch die Öffentlichkeitsarbeit des Übungsgeländes wird Teil der Beobachtung. Zwischen militärischem Alltag, historischen Relikten und ritualisierten Abläufen untersucht der Film die Sprache und Gesten einer schleichenden Normalisierung des Militärischen. Es entsteht ein präzises Porträt einer Institution im Wandel – und spiegelt darin die verunsicherte Gegenwart einer Gesellschaft.

Mi 16 September 2026UT Connewitz
18:30 UhrIn Anwesenheit von Marie Wilke
€ 7,50 (6,50 ermäßigt)

15.09.26 | MARE’S NEST (
GB/FR/CA 2025, Ben Rivers)

GB/FR/CA 2025, R: Ben Rivers, D: Moon Guo Barker, 98′, OmeU, DCP

Basierend zu Teilen auf der eigenen Kindheit, zu Teilen auf dem Klimakatastrophen-Endzeit-Theaterstück „The Word for Snow“ des US-amerikanischen Autors Don DeLillo (u.a. Cosmopolis), erzählt Ben Rivers in MARE’S NEST von Moon, einem Kind in Bewegung. Nachdem Moon ein Auto crasht, um nicht die Schildkröte auf ihrem Weg über die Straße zu überfahren, läuft sie mit dieser zu Fuß weiter. Doch ungleich Momo und Kassiopeia in Michael Endes Roman begegnen sie keinen grauen Herren und deren Kontrollmechanismen, sondern einzig und allein Kindern: streunenden, spielenden, sorglosen, seltsamen, symbolischen Wesen. Die Zeit, in der sie sind, scheint bedeutungslos; der Ort, den sie bevölkern, ein magischer Kino-Raum: staubig, grobkörnig, abwechselnd in goldenes Licht oder stimmungsvolles Schwarzweiß getaucht. Ein anarchisches Film-Poem, über zwei Jahre hinweg, episodisch gefilmt in den Schulferien an außergewöhnlichen Locations. Eine rituelle Reise durch eine Welt, die sich endlich gereinigt hat von allen Erwachsenen. „We have myth to protect us when history goes mad.”

Di 15 September 2026Schaubühne Lindenfels
19:00 Uhr€ 7,50 (6,50 ermäßigt)

14.09.26 | THE KARTLI KINGDOM (GE/FR/QA, Tamar Kalandadze & Julien Pebrel)

GE/FR/QA, R: Tamar Kalandadze & Julien Pebrel, 104‘, OmeU, DCP


„Kartli“ bezeichnet nicht nur ein mittelalterliches georgisches Königreich, sondern auch ein ehemaliges Sanatorium in Tiflis. In Folge des Georgisch-Abchasischen Kriegs (1992-1993) leben dort ca. 150 Familien, die aus Abchasien vertrieben wurden. Klinikbetrieb und die Unterbringung der Refugees liefen damals noch parallel. Was zunächst als kurzfristige Lösung gedacht war, ist bis heute Dauerzustand.

THE KARTLI KINGDOM ist beobachtendes Kino und zeigt das geteilte Schicksal der Bewohner:innen, die mittlerweile in einem zusehends zerfallenden Gebäude leben und beginnen für ihr Recht auf anständiges Wohnen mobil zu machen. In drei Jahrzehnten hat sich in Kartli ein warmherziger Mikrokosmos entwickelt, in dem gelebt und gestorben wird, Tiere gehalten werden, Alltagsrituale das Zusammenleben bestimmen. Tamuna, Irma und andere haben das bröckelnde Gebäude, das von einem Riss buchstäblich in zwei Teile gespalten wird, mit Gärten ausgestattet. Von den Terrassen aus schauen sie nachts auf die Lichter der Stadt. In einer der Wohnungen werden Grundnahrungsmittel angeboten – Brot gibt es erst in der kommenden Woche. Verschränkt werden die Aufnahmen aus der Gegenwart mit VHS-Material und Erzählungen der Älteren, die Trauma, Exil und die gemeinsame Widerstandskraft verständlich machen.

Mo 14 September 2026Schaubühne Lindenfels
19:00 Uhr€ 7,50 (6,50 ermäßigt)

15.09.26 | PRÉNOMS / FINDING WORDS (FR 2026, Nurith Aviv)

ZUR SPRACHE KOMMEN | Die schnörkellos humanen Dokumentarfilme von Nurith Aviv

„A given name is a gift, a choice, a message that can be questioned, interpreted, reinvented all throughout life.“ (Texttafel zu Beginn des Films)

FR 2026, R: Nurith Aviv, 82‘, OmeU, DCP

Am Anfang jeder Episode stehen Bilder einer wackligen Handykamera. Die Filmemacherin und Kamerafrau Aviv ist damit auf dem Weg zu Pariser Freundinnen und Freunden. In der rechten Hand hält sie das Handy, in der linken einen Blumenstrauß – die Farben und Formen variieren, so wie auch die vor die Kamera gesetzten Menschen ganz unterschiedlich sind. Was sie verbindet, ist das strenge, ja zunächst für manch eine:n womöglich allzu simpel erscheinende Konzept von PRÉNOMS:

Dreizehn mit Aviv befreundete Menschen sprechen in statischen Halbtotalen inmitten ihrer Wohnungen über ihre Vornamen, darüber, was es für sie bedeutet, ihn zu tragen. Auch darüber, was sie bewogen hat, ihn zu ändern und inwieweit mit diesem Namen Freude und Leid verbunden ist. Es sind kleine, entspannt inszenierte Porträts, die nicht nur persönliche Geschichten zeichnen, sondern auch so einiges über die Gegenwart Frankreichs und Europas preisgeben. Trotz düsterer Passagen, die hierbei zutage kommen: PRÉNOMS ist ein Film wie ein Blumengeschenk. Ein Freundschaftsakt, ein warmer, humaner Film.

Di 15 September 2026Schaubühne Lindenfels
21:00 Uhr€ 7,50 (6,50 ermäßigt)

13.09.26 | Frauen in Berlin

POOR IMAGES

DDR 1981, R: Chetna Vora, 142‘, OmeU, DCP

Für ihren Diplomfilm interviewte die indische Regiestudentin Chetna Vora insgesamt 14 Frauen aus unterschiedlichen sozialen Milieus über deren Lebensrealitäten in Ost-Berlin. Klandestin, häufig in privaten Wohnungen und von Kameramann Thomas Plenert in reduziertem Stil gefilmt sprechen die Frauen im Alter von 11 bis 83 Jahren offen, ungehindert und auf Augenhöhe mit der Regisseurin über dauerhafte Partnerschaft, Affären, Scheidung, gleichgeschlechtliche Beziehungen, Wohnen, Beruf, Muttersein und vieles mehr. Neben privatem und gesellschaftlichem Alltag kommen spätestens mit der Frage nach Glück und Desillusion auch die Grenzen des politische Systems und seiner Fortschrittsversprechen zur Sprache.

Der Entstehungskontext von FRAUEN IN BERLIN – ein Akt institutioneller Gewalt – hat sich in die materielle Überlieferung des Films eingeschrieben. Chetna Voras Alma Mater, die Hochschule für Film und Fernsehen der DDR, verlangte die radikale Kürzung des Films auf 30 Minuten Laufzeit. Nachdem Vora sich weigerte, zwang sie die Hochschule zum Abbruch und konfiszierte das Material. Erhalten geblieben ist eine heimlich hergestellte Kopie des eigenmächtig entwendeten Rohschnittmaterials, dessen digital restaurierte Fassung wir zeigen.

Mo 13 September 2026Schaubühne Lindenfels
15:00 UhrEinführung von Tobias Hering. Er ist Kurator sowie Publizist und hat in einer Langzeitrecherche zu Chetna Vora gearbeitet.
€ 7,50 (6,50 ermäßigt)