Licht aus, Augen auf – Das GEGENkino geht in die nächste Runde. Wir stellen unsere Auswahl für das diesjährige Festival vor!
In diesem Jahr zeigen wir zwölf volle Tage Programm und frischen Leipzig über Ostern ein bisschen auf. Wer genug vom Eiersuchen hat, sollte ohnehin ins Kino gehen. Hier noch ein paar triftige Argumente, falls die Verwandtschaft zum falschen Hasen greift:
Angela Schanelecs ICH WAR ZUHAUSE, ABER… | I T O E , Andrea Belfi und Flying Moon in Space vertonen MATERIALFILME von Birgit und Wilhelm Hein | GEGENkinder-Kino mit den MUMINS AUF KOMETENJAGD | Arbeit am Bild – Hartmut Bitomsky | Ted Fendt Doppel – SHORT STAY und CLASSICAL PERIOD – vorgestellt von Ted Fendt | BIG BANG BACKWARDS – eine Lecture-Performance mit Nadia Tsulukidze | die Ausstellung zum Schwerpunkt-Thema archivierter Erinnerungen Flackernd durchs Erinnern u.a. mit Arbeiten von Filipa César, Gabriele Stötzer, Clarissa Thieme, Ludwig Harig und Susann Maria Hempel | re.act.feminism – a performing archive und ein Vortrag von Beatrice Ellen Stammer | „MIR IST ES EGAL, WENN WIR ALS BARBAREN IN DIE GESCHICHTE EINGEHEN“ von Radu Jude | LONG DAY’S JOURNEY INTO NIGHT von Bi Gan | LA CASA LOBO von Cristóbal León & Joaquín Cociña | BÊTES BLONDES von Maxime Matray und Alexia Walther | DAS MELANCHOLISCHE MÄDCHEN von Susanne Heinrich | ausgewählte Filme der portugiesischen Regisseurin Salomé Lamas und am Ostermontag HEIMAT IST EIN RAUM AUS ZEIT in Anwesenheit von Thomas Heise im Gespräch mit Claus Löser
und vieles mehr…
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NL/TR 2018, R/D: Gürcan Keltek, Dok/Doc 35’, OmeU/OV with English subtitles, DCP
Gulyabani. In der türkischen Mythologie ein Wesen mit übersinnlichen Fähigkeiten. Ein Djinn. Ein Ghoul. Ein kleines Mädchen aus Ìzmir wird dafür gehalten. Sie kann Tote sehen. Und kalte Herzen. Von der eigenen Familie eingesperrt, wird es als Wahrsagerin, Medium und Talisman missbraucht. Nach dem Putsch von 1980 wird sie schließlich von faschistischen Paramilitärs für ähnliche Zwecke entführt und in einer Mine festgehalten. Filmemacher Gürcan Keltek nimmt nach seiner lyrischen Dokumentararbeit METEORS die Tagebücher und Berichte einer Verwandten als Ausgangspunkt, um eine weitere klanglich und visuell beeindruckende Reise zu beginnen, in der sich Biografie und Geschichte, Aberglauben und Staatsterror, Kosmisches und Irdisches assoziativ vebinden. Luzide Phasen wechseln sich ab mit dunklem Terrain. Wir betreten jäh die Welt der Geister, verirren uns in flüchtigen Erinnerungsbildern, die zu lange im Silber lagen, verblasst sind vom Lichtentzug, porös durch unzählige Jahre Leben, überschichtet mit Erzählungen und vernarbt von seelischen Wunden.
Do 11.April 20 Uhr – UT Connewitz – € 6,5 (5,5erm.)
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CL 2018, R: Cristóbal León & Joaquín Cociña, 75’, OmdU/OV with German subtitles, DCP
Ein Imagefilm stellt sie vor: die Colonia Dignidad. Mit süßlicher Erzählerstimme berichtet der „Hirte“ vom Leben in der Gemeinschaft aus deutschen Aussiedlerinnen, räumt mit unliebsamen Gerüchten auf und erwähnt auch Maria. Maria konnte fliehen und mit ihr zwei kleine Schweinchen. Im Wald findet sie ein Haus und versteckt sich mit den Gefährten darin vor den Klauen des Wolfs. Es raschelt, knarrt und knackst, im Innern und Außen. Die Welt der traumatisierten, jungen Frau im ersten abendfüllenden Spielfilm der chilenischen Puppen- und Animationskünstler ist eine sich stets wandelnde. Farbe fließt an den Wänden entlang und formt Gesichter. Die Körper aus Pappmaché zerlaufen und bilden sich neu. Alles bröckelt, wackelt, stöhnt und starrt. Grundlage für DAS WOLFSHAUS war eine Serie von Ausstellungen, in der die Besucherinnen Anteil nehmen konnten am Entstehungsprozess. Die durch Stop-Motion- Technik zum Leben erweckten Arrangements wurden durch minutiöse Kleinarbeit in Europa und Südamerika realisiert. Im filmischen Resultat vereinen sich die großflächigen Malereien und die virtuose Skulpturkunst mit Geräuschen, Stimmen und Volksliedern zu einem ebenso intensiven wie berührenden Alptraum, der zugleich eine politische Parabel ist auf die Schreckensherrschaft Augusto Pinochets.
11. April, 20 Uhr – UT Connewitz – € 6,5 (5,5 erm.)
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BRD 1971, R: Ula Stöckl, Edgar Reitz, D: Kristine de Loup, Bruno Bendel, Alf Brustellin, 22 Episoden, Gesamtlänge: 220’, OmeU, digital
Das Kübelkind – im Wienerischen Schmäh die Bezeichnung für die Nachgeburt und für das Wegzuwerfene, den zivilisatorischen Ausschuss – wuchs als solcher Überrest in einer Mülltonne heran und soll nun in die bürgerliche Gesellschaft integriert werden. So zumindest der Plan, von dessen Scheitern insgesamt 22 Episoden erzählen. Das Kübelkind ist frivol, hedonistisch, schmutzig, allzu neugierig, klaut, fickt, verführt und signalisiert diese Gefahr für die wohlgeordneten Verhältnisse bereits in seiner Erscheinung: rote Schuhe, rote Socken, rotes Kleid. Das Kübelkind geht in die Schule und die Kirche, es durchreist die Zeit und lässt die Realität hinter sich, trifft Al Capone, verwandelt sich in einen Vampyr und landet auf dem Scheiterhaufen. Aber selbst die angedrohten tausend Tode sorgen nicht dafür, dass es sich anpasst.
Nur heute Abend wird die Pracht zum Kneipenkino, zum Kübelkindkino. Die Gäste können einzelne Episoden von der Speisekarte wählen.
11. April, 22:30 Uhr – Pracht (Wurzener Straße 17, 04315) – Eintritt frei
GER/SRB 2019, D: Angela Schanelec, A: Maren Eggert, Jakob Lassalle, Clara Möller, Franz Rogowski, Lilith Stangenberg, Alan Williams, Jirka Zett, Dane Komljen, 105’, dt. OV mit engl. Untertiteln
Lässt sich in einem Spielfilm authentisch der Tod behandeln? Was bedeutet es, wenn ein Darsteller vorgibt todkrank zu sein – ist dies ethisch wie ästhetisch vertretbar oder bloß Lüge? Können Bilder eine Wahrheit vermitteln, die keine persönliche sondern eine universelle ist? Diese Probleme lässt Angela Schanelec in ihrem neuen Film ihre Hauptfigur Astrid direkt aussprechen. Astrid hat ihren Mann und den Vater der gemeinsamen beiden Kinder verloren. Einem Bekannten, der eben dieses Thema in einer künstlerischen Arbeit behandelte, wirft sie vor, die Schranke der Darstellbarkeit überschritten zu haben. Schanelec geht wie bereits Yasujirō Ozu, an dessen Stummfilm „Ich wurde geboren, aber“ sie den Filmtitel anlehnt, einen anderen Weg: Erzählt wird über das Abwesende, die Auslassung, das Davor und Danach dramatischer Ereignisse. Was zu sehen ist, ist die Beschaffenheit der Figuren. Eindrücke finden sich in deren physischer Präsenz – Schmutz, Verletzungen, Erkrankung, Körperhaltung und Gestik. Die Oberfläche der Akteurinnen macht deren Persönlichkeit gegenständlich. Körper isolieren sich. Interaktionen provozieren Ausbrüche. Ängste treten nach Außen. Berührungen besänftigten. Die Schauspielerinnen füllen ihre Rolle körperlich aus, anstatt sie naturalistisch und wirklichkeitsnah zu spielen. Schanelec interessiert sich nicht für die Inszenierung von Schicksal. Sie zeigt eine Momentaufnahme alltäglicher Melancholie. Das strenge Konzept ihrer Bilder macht Wahrheit sichtbar und ermächtigt den Betrachtenden, durch Begreifen Anteil zu nehmen.
12. April, 20 Uhr – Luru Kino in der Spinnerei – € 6,5 (5,5 erm.)
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