Ausstellung | FLACKERND DURCHS ERINNERN

Die Autorität traditioneller Archive regelt und kontrolliert die Reproduktion von Geschichte und definiert kulturelles und kollektives Erinnern. Archive ordnen, klassifizieren, überliefern, schaffen Wissen und bestimmen die Art und Weise, wie über Vergangenes gesprochen wird. Uns geht es um die Stellen, an denen diese Funktionsweisen aufgebrochen oder mit subversiver Absicht affirmiert werden, an denen scheinbar Bekanntes neu erzählt oder reinszeniert wird. Die Künstler*innen der Ausstellung arbeiten in einem Assoziationsfeld von Erzählen, Erinnerungspolitiken und Prozessen der Identitätsbildung. Ihre verschiedenen künstlerischen Verfahren eignen sich Inhalte bestehender Archive an, lesen sie gegen, dekonstruieren diese oder setzen sie zu eigenem Material in Bezug und füllen dadurch Leerstellen, die die für Archive konstitutiven Ausschlussmechanismen produzieren.

Filipa César etwa bezieht sich auf die Besatzung Guinea-Bissaus durch die portugiesische Kolonialmacht und indirekt auf deren Ende durch einen gewaltgesättigten 11-jährigen Befreiungskrieg (1963-1974). Innerhalb eines weitaus größer angelegten Projektes, in dem sich César mit der revolutionären und agitatorischen Praxis des Filmemachens in Guinea-Bissau beschäftigt, entstand THE EMBASSY, das ein Foto-Album aus dem Nationalarchiv zeigt. Es ist dieses Album, das – gefilmt mit einem Single-Shot und mit fixierter Kamera – durchblättert und kommentiert wird. Armando Lona, Journalist und Archivar, stellt dabei die Verbindung zwischen der Vergangenheit – dem Blick, dem Bildbestand und der Ordnung der Kolonisatoren – und der Gegenwart des westafrikanischen Staates her.

CAN’T YOU SEE THEM? – REPEAT ist das Ergebnis einer langjährigen Recherche in und künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Library Hamdija Kresevljakovic – Video Archive, einer Sammlung privater Videos, die aus der Binnenperspektive der eingeschlossenen Einwohner*innen während der Belagerung Sarajevos (1992-1995) angefertigt wurden. Ausgangspunkt von Clarissa Thiemes Installation ist die Aufnahme gebückt laufender, den Schutz eines Damms suchender Paramilitärs. Die Bedrohlichkeit der Situation ergreift den Filmenden, dessen Hand nicht in der Lage ist, ruhig zu arbeiten. Die zitternde Bewegung, die schwerlich das Geschehen vor der Kamera fasst, ließ Thieme tracken und die gewonnenen Daten in ein Motion-Control-System einspeisen. Dieses lässt einen auf ein Stativ angebrachten Bildwerfer die Original-Bewegung exakt ausführen. Allein das Bild ist ohne Inhalt, das Gefühl abstrahiert und in pure Motorik übersetzt.

Als institutionelle Praxen des „Archiv-Werdens“ wollen wir zudem Arbeitsweisen und Inhalte von bestehenden Archiven präsentieren: ex.oriente.lux von Claus Löser und Karin Fritsche (21. April um 17 Uhr) sowie re.act.feminism (18. April um 20.30 Uhr). Diese und weitere Beispiele engagierter, kritischer und aktivistischer Archivarbeit dienen neben den Ausstellungspositionen als Ausgangspunkt für unsere Podiumsdiskussion am 20. April um 18 Uhr. Unter der Moderation von Filmkritiker Dennis Vetter unterhalten sich die Filmhistorikerin Heide Schlüpmann, der Medienprofessor Simon Rothöhler und die Filmemacherin Gabriele Stötzer über Aspekte einer „Archivarbeit von unten“. Welche Bedeutung kann solchen Gegenarchiven zugeschrieben werden? Inwiefern können die Konservierung und Bewahrung von Material und der gleichzeitige Wunsch nach allgemeiner Zugänglichkeit und Prozesshaftigkeit zusammen gedacht werden und wie können sie sich ergänzen? Wie kann archivarische Praxis zur Möglichkeit werden, in Dialog zu treten? Durch welche Faktoren kann ein Archiv als fortlaufende Bewegung gedacht werden, die nicht nur retrospektiv Narrative entwirft und Geschichte festschreibt, sondern aktuelles Gestaltungspotential bereithält?

Ausstellung: 18. – 21. April – Schaubühne Lindenfels – Eintritt frei


Do 18.4
Schaubühne
18 UhrAusstellungseröffnung
bis 24 UhrAusstellung
19 UhrLecture-Performance by Nadia Tsulukidze
Big Bang Backwards
2018, 50’, in englischer Sprache
20:30 Uhrre.act.feminism #2 – a performing archive, 2011-2014
Vortrag von Beatrice Ellen Stammer zum „Wanderarchiv“ re.act.feminism
Fr 19.4
Schaubühne
16 – 24 UhrAusstellung
19 UhrVortrag von Natascha Frankenberg
Watermelon Woman
Sa 20.4
Schaubühne
16 – 24 UhrAusstellung
18 UhrPodiumsdiskussion
So 21.4
Schaubühne
16 – 24 UhrAusstellung
17 UhrGabriele Stötzer und Claus Löser im Gespräch

Arbeiten u.a.

18. April, Eröffnung um 18 Uhr
19. bis 21. April, jeweils von 16 bis 24 Uhr

BIG BANG BACKWARDS

Lecture-Performance / Video | Nadia Tsulukidze, 2018, 50′

THE EMBASSY

Video | Filipa César, 2012, 37′

CAN’T YOU SEE THEM? – REPEAT.

Installation with film (8′) / light projecting motion-control-system „CYST“ / Alu Dibon photo print | Clarissa Thieme, 2019

STAATSBEGRÄBNIS I

Radio play | German language, Ludwig Harig, 1969, 64′

TRISAL (and additional works)

Video | Gabriele Stötzer, 1986, 20′

GEMEINSAM UNERTRÄGLICH – EIN DOKUMENTARISCHES MOSAIK

Radio play | German language, Ernest Ah, Sabrina Saase and Lee Stevens from Kollektiv der Raumerweiterungshalle, 2018, 60′

Lecture-Performance | Big Bang Backwards (2018, Nadia Tsulukidze)

Lecture-Performance von Nadia Tsulukidze, 2018, 50′, in englischer Sprache

Im Rahmen des Projekts „wildes wiederholen“ hat sich Nadia Tsulukidze auf die Spuren der dissidenten Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin Freya Klier gemacht. Es entstand „Big Bang Backwards“, eine Lecture-Performance, die durch den Zugang zum Archiv der DDR-Opposition dokumentarische Zeugnisse der Oppositionellen Klier mit fiktiven Briefen und persönlichen Erfahrungen der Künstlerin selbst verbindet. Bedacht blättert Tsulukidze durch ein Album und kommentiert Skizzen, Fotografien, Handgeschriebenes. Formal handelt es sich um ein Tagebuch, das in seiner eigentlichen Gestalt als innerer Monolog angelegt ist und damit Autorin und Adressatin vereint. Das Tagebuch wird als künstlerische Praxis hier zum intersubjektiven Reflexionsraum: Die Existenz eines sonst nicht vorhandenen Publikums eröffnet neue Perspektiven auf (Archiv-)Material. Gleichzeitig entsteht durch vielschichtige Überlagerungen ein politischer Resonanzraum, in dem narrative Strukturen des Dokumentarischen, aber auch die Auslegung von Material und die Rolle, die das Individuum dabei spielt, hinterfragt werden. Ohne je tatsächlich in Kontakt mit Klier zu kommen oder auch nur ein Foto von ihr zu sehen, entwickelt sich die Idee von ihr als Gegenüber zu einer Realität und lässt eine ganz eigene erzählerische Praxis entstehen.

Nadia Tsulukidze ist 1976 in Tiflis, Georgien geborenen und aufgewachsen. Sie studierte dort Geige und anschließend Eurythmie in Stuttgart. Nach ihrer Rückkehr nach Georgien gründete sie 2005 Khinkali Juice, ein Multimedia Performancekollektiv, das international verschiedene Produktionen aufführte. Tsulukidze beendete 2010 ihr Masterstudium am DasArts in Amsterdam und lebt mittlerweile in Berlin.

18. April, 19 Uhr – Schaubühne Lindenfels – Eintritt frei

re.act.feminism #2 – a performing archive, 2011-2014

entstanden aus:

re.act.feminism – performancekunst der 60er und 70er jahre heute, 2008-2009

Vortrag von Beatrice Ellen Stammer zum „Wanderarchiv“ re.act.feminism

„performing archive“ ist zweierlei: die queere und feministische Video- und Performancekunst der 1960er und 70er Jahre einerseits zum inhaltlichen Fokus machend, ist andererseits auch das Archiv selbst als Performance angelegt. Als sogenanntes „Wanderarchiv“ bricht es mit der institutionalisierten Räumlichkeit klassischer Archive. Durch internationale Zusammenarbeit mit Künstler*innen, Künstlerkollektiven, Universitäten und Akademien entstand eine Sammlung, die zwischen 2011 und 2013 fast zwei Jahre europaweit unterwegs war. Mehr als 200 Künstler*innen sowie Künstler*innenkollektive über zwei Generationen sind Teil des Projekts. Dabei ist der Grundgedanke prozessual, denn durch Veränderung von Bedingungen der Zugänglichkeit zu Archiven werden Perspektivwechsel ermöglicht, das Material kann neu gelesen oder alternativ interpretiert werden.

„re.act.feminism #2 – a performing archive” verfolgt das Ziel, den „Blick über den Kanon des Bekannten und Eingeschriebenen hinaus zu erweitern, um die Vielfalt und Komplexität performativer Strategien sichtbar zu machen“. Beatrice Ellen Stammer stellt das Projekt, das sie zusammen mit Bettina Knaup kuratierte, anhand exemplarischer Filmausschnitte vor.

18. April, 20.30 Uhr – Schaubühne Lindenfels – Eintritt frei

L’Époque / Young and Alive (F 2018, Matthieu Bareyre)

F 2018, R: Matthieu Bareyre, Dok, 96′, OmeU, DCP

Paris zwischen 2015 und 2017. Interviews auf den Straßen und in den Cafés. Der Charme adoleszenter Selbstüberschätzung vermischt sich mit dem fatalen Gefühl verloren und ohne Zukunft zu sein. Die Reaktionen darauf sind vielfältig. Es wird gelacht, getanzt und auf den Prachtstraßen die Bourgeoisie provoziert. Andere diskutieren Zusammenschlüsse. Solidarität. Reflektieren ihr Leben unter kapitalistischen Bedingungen. Hin und wieder sehen wir brennende Barrikaden oder Polizisten, die gefesselte Menschen schlagen. Straßenzüge, gezeichnet von Riots, die sich entzünden, weil schon wieder ein schwarzer Jugendlicher in Polizeigewahrsam misshandelt wurde und ein anderer umkam. Eine Zeit, geprägt durch die Bewegung „Nuit debout“, aber auch von den Attentaten auf Charlie Hebdo und das Bataclan.
Und dann ist da Rose. Eine junge Französin, voller Energie und Witz, mit einem Leuchten in den Augen. Sie berichtet von Racial Profiling, streitet über Identität und erklimmt das Monument auf dem Platz der Republik. L’ÉPOQUE: Keine Reise ans Ende der Nacht. Eher ein flammender Cocktail, der seine Schatten voraus wirft. Ein fiebriger Ritt, getragen und getrieben durch eine Vivaldi-Sonate in d-Moll. Die Bestandsaufnahme einer Generation auf dem Sprung in eine neue Ära, wäre da nicht die alte.

18. April, 22 Uhr – Schaubühne Lindenfels – € 6,5 (5,5 erm.)


Trailer

The Watermelon Woman (USA 1996, Cheryl Dunye)

USA 1996, R: Cheryl Dunye, D: Cheryl Dunye, Guinevere Turner, Valarie Walker, Cheryl Clarke, Sarah Schulman, Camille Paglia, Brian Freeman, 90′, englische OV, DCP

Philadelphia in den 1990er Jahren. Cheryl und Tamara sind Teil der „black lesbian community“ der Stadt und verdienen ihr Geld in einer Videothek. Nebenher versucht Cheryl ihren Einstieg als Filmemacherin in die Gänge zu bekommen und beginnt mit dem Dreh einer Dokumentation. Mit der Idee im Kopf, einen Film über die attraktive „Watermelon Woman“ zu produzieren – eine Nebendarstellerin in vielen Streifen der 1930er und 40er Jahre, die im Abspann immer nur unter diesem Namen zu finden ist – beginnt sie ihre Recherche. Die Sphären verflechten sich zunehmend und neben dem Mainplot, der von Cheryls Liebesleben und Freundschaften erzählt, wird durch pseudodokumentarische Interviews auch immer mehr über die sogenannte „Watermelon Woman“ aufgedeckt, deren Leben einige Parallelen zu dem der Protagonistin bereithält. In Dunyes Film trifft fiktive Dokumentation auf fiktionale Spielfilmatmosphäre und schafft eine amüsant und nonkonform inszenierte politische Bestandsaufnahme über die vielschichtige Verbindung von Sexualität, Klasse und Hautfarbe.

Eigens für die Produktion des Film wurde der fiktive Charakter, der hinter der „Watermelon Woman“ steht, sowie ein dazugehöriges fotografisches Archiv von Cheryl Dunye und Zoe Leonard entworfen: Fae Richards, eine afroamerikanischen Schauspielerin, die im frühen 20. Jahrhundert lebte und für ihr Engagement in der Bürgerrechtsbewegung bekannt war. Dunye führt ihre Fälschung einer Lebensgeschichte auf den Mangel an Informationen im wirklichen Leben zurück: „The Watermelon Woman came from the real lack of any information about the lesbian and film history of African-American women. Since it wasn’t happening, I invented it.“ (Cheryl Dunye).

19. April, 20 Uhr – Schaubühne Lindenfels – € 6,5 (5,5 erm.)


Am gleichen Tag findet um 19 Uhr in der Schaubühne Lindenfels eine Lecture von Natascha Frankenberger zu Arbeitsweisen des Projekts von Dunye und Leonard neben anderen Beispielen und Aspekten von queeren Gegenarchiven und aktivistischer Sichtbarmachung marginalisierter Künstler*innen und deren Lebensweisen statt.


Trailer